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Wie zwei Sekunden eine Kultur verändern können – Erfahrungsbericht

Wie Zwei Sekunden Eine Kultur Verändern Können – Erfahrungsbericht

Nachhaltige Veränderungen zu implementieren, das ist oftmals ein langwieriger Prozess, der auf Widerstand stößt. Alexander Gärtner gibt Ihnen heute die Zwei-Sekunden-Initiative an die Hand und verrät, wie es ihm mit dieser Methode gelungen ist, bei Daimler AG Verbesserungen langfristig voranzutreiben.

Vor fast 20 Jahren stieg Alexander Gärtner bei der Daimler AG (damals DaimlerChrysler AG) im Bereich  Qualitätssicherung der Montage S-Klasse ein. In der Folge einer langjährigen Unterstützung des PKW-Produktionswerks Tuscaloosa und Leitung von Projekten in den USA, entwickelte er sich zum Experten für das Mercedes-Benz Produktionssystem (MPS) weiter. Nach mehrjähriger Beratertätigkeit als Experte für schlanke Produktion (intern: MPS-Experte), Übernahm er die Verantwortung für die Ausbildung von Lean-Experten bei Daimler.

Nach umfangreichen Trainings- und Projekterfahrungen in fast allen Mercedes-Benz PKW- und Van-Werken weltweit, ist er heute gefragter Experte bei Optimierungsaktivitäten im gesamten Konzern.

Die Mitarbeiter machen einfach nicht mit!

Jede Führungskraft und nahezu alle Projektverantwortlichen in einem Großkonzern können ein Lied davon singen: Veränderungen und Initiativen verursachen zuallererst Ablehnung, ja sogar Abwehr. Was im Grunde eine normale menschliche Reaktion ist, wächst sich im Umfeld der Industrie oft zu einer Art Kampf aus. Wie kann man da als Entscheiderin und Entscheider auch nur einen Fuß auf die Erde bekommen?

Mit Druck? Mit einer KVP Initiative?

Fremde KulturenOft habe ich erlebt, dass Führungskräfte eine gute Idee mit Hilfe einer Großinitiative im Betrieb einführen möchten. Die Erfahrungen zeigen jedoch in vielen Fällen, dass die Umsetzung einer neuen Initiative oft weit mehr Ressourcen benötigt und viel länger dauert, als ursprünglich geplant und auch danach waren die geplanten Veränderungen vielfach nicht nachhaltig.

Neben multiplen Ursachen ist die tatsächliche – aber auch die gefühlte Ohnmacht der Mitarbeiter und der Projektbeteiligten ein großes Erfolgshemmnis. Wer hat also die Geduld vermeintlich unwillige Mitarbeiter zur Lösung eines Problems zu coachen? Wer hat die Zeit Mitarbeiter so viele Fehler machen zu lassen, dass sie iterativ zur Lösung kommen? Die Lösung für strukturelle Probleme ist dann oft doch wieder die groß angelegte KVP-Initiative.

Die drei Stufen zum KVP: Sehen, Verstehen und Ändern

Da hat der amerikanische Unternehmer Paul Akers in seinem Buch „2 Second Lean“ eine revolutionär einfache Lösung für die KVP-Starre in Firmen beschrieben.

Führungskompetenz, Sozialkompetenz, Internationale ProjektteamsAuch in seinem Betrieb gab es den Effekt, dass immer nur dann was passierte, wenn der Chef im Haus war. Es wurde ihm als Führungskraft überlassen innovativ zu sein und die Initiative zu ergreifen. Den Hund zum Jagen tragen möchte sicherlich keine Führungskraft und auch die sprichwörtlichen Vierbeiner möchten nicht zu ihrer Arbeit getragen werden.

Paul Akers hat also allen seinen Mitarbeitern ein Ziel gesetzt, welches so niedrig ist, dass es wirklich jeder im Betrieb erreichen kann:

Das Zwei-Sekunden-Ziel. Jede Mitarbeiterin und jeder Mitarbeiter hat die Aufgabe, jeden Tag eine Verbesserung ihrer und seiner Arbeit umzusetzen, welche den Arbeitsprozess um mindestens zwei Sekunden verkürzt. Dafür bekommen seine Mitarbeiter jeden Tag eine Stunde Zeit.

 

Das heißt also, die Verbesserung wird ein Teil der Arbeit, wird sogar Hauptteil der Arbeit.

Alexander Gärtner | Daimler AG

 

Die Produkte, welche aus den jeweiligen Arbeitsprozessen entstehen, sind sozusagen das „Abfallprodukt“. Was für eine radikale Umkehr der Denkweise! (Paul Akers Erlebnisse und seine Ergebnisse können in seinem Hörbuch sehr einfach und eingängig nachvollzogen werden)

Alexander Gärtner

Aber einfach so ein Ziel setzen und die Mitarbeiter alleine lassen ist nicht ausreichend, um eine nachhaltige Verbesserungskultur aufzubauen. Er lebt es vor und er schult seine Mitarbeiter darin zu sehen, zu verstehen und Dinge zu ändern.

Auch das ist wieder so einfach, dass es jeder nachvollziehen kann, inklusive mir selbst. Als Berater und Trainer für Berater waren mir oft die komplizierten Lean-Werkzeuge näher, als die einfache Doktrin der Verbesserung im Kleinen. Doch diese Kleinst-KVPs sind es, welche schlussendlich zur strukturellen Verbesserung im Großen führen.

Nachdem ich also Paul Akers Buch mehrmals verschlungen hatte, versuchte ich sofort alle Personen in meinem Berufsumfeld davon zu überzeugen. In einer Firma mit nahezu 300.000 Mitarbeitern ein fast aussichtsloses Unterfangen.

Klein Starten, sofort beginnen, großes Bewegen

Also habe ich mich entschlossen, im Kleinen zu starten und parallel die großen Dinge im Blick zu behalten. Ich konnte sehr schnell einen meiner Kollegen dafür begeistern, in unserem Büro mit Zwei-Sekunden-KVPs zu starten. Wir fingen also damit an, die Türen unserer Büroschränke zu entfernen um die dahinterliegende Verschwendung sehen- und entfernen zu können. Wir sind dann allerdings schnell an die Grenzen der Bürorichtlinien gestoßen, welche in einem Großbetrieb verankert sind. Als wir versuchten unsere Schreibtische gegen höhenverstellbare-, runde- und rollbare Tische zu tauschen, schlug uns die ganze Macht der Arbeitsstättenrichtlinie entgegen. Es hieß, in einem Büro dieser Größe müssen zwei Tische, in dieser und jener Größe, sowie zwei große Aktenschränke und natürlich auch für jeden Mitarbeiter ein Rollcontainer stehen. Somit wurde unseren „Kreativ-Büro-Ambitionen“ erstmal ein Dämpfer verpasst.

Digitales Arbeiten, Projektmanagement, ToolsNach der Überlegung, wie wir unsere ungewöhnlichen Zwei-Sekunden-Ideen trotzdem verwirklichen konnten, haben wir kurzerhand ein kleines Projekt, mit dem Namen „Büro 2.0“ ersonnen. Nach Abstimmung mit dem Abteilungsleiter haben wir unser Büroterritorium zur Versuchsfläche für neue Ideen erklärt. Danach konnten wir ohne Probleme die Standard- Büroausstattung in den Keller verbannen und die runden Rolltische einführen.
Von diesem Punkt an ging es Schlag auf Schlag und wir wurden von den anderen Kollegen im Gebäude offiziell zu Spinnern erklärt. Mit unserem neuen Status konnten wir nun unbeschwert alle kreativen Verbesserungen durchführen, welche uns in den Kopf kamen. Als wir anfingen unser Büro in unserer Abwesenheit als Besprechungszimmer freizugeben, kam der Stein ins Rollen. In den Köpfen der Kollegen wandelten wir uns von den Spinnern zu Sonderlingen, welche gar nicht so schlechte Ideen haben. Je mehr Leute von unserem kreativen Büro erfuhren und unsere kleinst-KVPs bestaunten, desto bekannter wurden wir in unserem Umfeld.

Wir waren diejenigen, welche mit Klettpunkten unsere notwendigen Arbeitsmittel an den Laptop klebten. Die Netzteile an den Deckel unserer PCs hefteten und mit Hinweisklebern die Schnittstellen der Rechner visualisierten, um jedes Mal zwei Sekunden zu sparen wenn wir einen USB-Stecker oder den Netzstecker suchten.

Die Zwei-Sekunden-KVP-Lust verbreitete sich schnell unter den vielen Beratern in unserer Abteilung. Der Effekt in Sachen Arbeitsmoral, Effizienz und Kreativität war atemberaubend.

Mein Kollege und ich wandelten uns in den Augen der Kollegen schlussendlich zu Vorbildern, welche über mehrere Abteilungen hinweg kopiert wurden und als Ratgeber in Sachen KVP fungierten.

Alexander Gärtner | Daimler AG

 

Verbesserung vorleben und aktiv initiieren

Diese Bewegung, welche bis heute von einer überzeugten Gruppe von Kollegen und Führungskräften gelebt wird, konnte nur durch aktives Vorleben initiiert werden. Die gestarteten Anpassungen der Daimler Führungskultur im Rahmen der Leadership2020 Initiative bereiten im Moment den Weg für eine großräumige und nachhaltige Umsetzung einer KVP-Kultur nach dem beschriebenen Vorbild im gesamten Unternehmen.

Alexander GärtnerZusammengefasst haben wir zuerst die Dinge verbessert, welche uns selbst auf die Nerven gingen. Die Verbesserungen haben immer unser eigenes Arbeitsumfeld betroffen, wir haben also nie versucht andere von ihrer Verschwendung zu überzeugen und es war immer zuerst unsere eigene Verbesserungskultur. Wenn jemand gefragt hat, haben wir ihr oder ihm geholfen diese KVP-Kultur für sich zu entdecken. Der Schlüssel zur Umsetzung einer KVP-Kultur, beziehungsweise einer Kultur der Selbstständigkeit des Einzelnen kann also nur durch beispielhaftes Führen erfolgen. In jüngster Zeit wird genau dieser Führungsstil als Basis zur kulturellen Änderung bei der Daimler AG, mit der „Leadership 2020“-Initiative in den Fokus gestellt.

Lernen Sie die Zwei-Sekunden-Verbesserung für Ihre Prozesse zu nutzen

Alexander Gärtner gibt bei der Konferenz Production Systems einen ausführlichen Einblick, wie der Wandel eines KVP bei Daimler gelungen ist. Hören Sie von ihm und zahlreichen weiteren Experten, was es in Sachen Lean Management, täglicher Verbesserung und Digitalisierung in der Produktion Neues gibt. Mit dabei sind unter anderem Vertreter von Linde Material Handling, Festo, Hero Group, Siemens, Robert Bosch und viele weitere Vorreiter.
Rückblick Production Systems 2019

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Quellen:
2 Second Lean – Paul Akers
Daimler AG

Claudia Blum

Bei Management Circle bin ich für die Personal-, Produktions- und Soft Skills-Themen zuständig. Ich betreue außerdem den Blog zu den Iran-Veranstaltungen. In diesen Portalen informiere ich Sie stets über alle Trends und Entwicklungen. Ich freue mich auf Ihre Anregungen und einen guten Wissensaustausch.

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