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Jan Berger über die Überlebenschance der Versicherer

Jan Berger über Die Überlebenschance Der Versicherer

Die Versicherungsbranche befindet sich in einer schwierigen Phase. Versicherer müssen nicht nur mit jungen InsurTechs kokurrieren, sondern auch mit neuen technologischen Entwicklungen zurechtkommen. In einer Welt, in der Abermilliarden Dinge miteinander vernetzt sind und miteinander kommunizieren, stehen wir bald vor der Herausforderung, dass Maschinen auch Maschinen versichern müssen. Was die Zukunft im Bereich Versicherung sonst noch bringen wird, haben wir Zukunftsforscher Jan Berger im Interview gefragt.

Als Zukunftsforscher gehen wir davon aus, dass Trends nicht vom Himmel fallen. Sie werden gemacht! Von Menschen, die über genügend Macht, Einfluss und Geld verfügen, um ihre Visionen zu verwirklichen.

Jan Berger, 2b AHEAD ThinkTank, Leipzig

Jan Berger leitet den 2b AHEAD ThinkTank, Deutschlands größtes Trendforschungsinstitut. Der Historiker und Slawist lebte viele Jahre in Russland sowie den USA und bekleidete eine Reihe von Führungspositionen in international agierenden Unternehmen, wo er Strategien zur Erschließung internationaler Märkte erarbeitete und umsetzte.

Direkt vor seinem Wechsel zu 2b AHEAD entwickelte er in einem preisgekrönten IT-Startup eine Plattform zur Konfiguration und Vermittlung hochindividualisierter Finanzprodukte für ein großes deutsches Bankhaus.

Jan Berger

Jan Berger

In einer Studie von 2B AHEAD wird geschrieben, dass die Versicherung eine große Zukunft hat –wenngleich diese anders aussieht als die Vergangenheit. Können Sie uns kurz erklären, wie die Zukunft der Versicherung Ihrer Meinung nach aussehen wird?

Das Bedürfnis, sich gegen Risiken abzusichern, verschwindet nicht in einer Welt, in der uns digitale Assistenzsysteme umgeben. Jedoch verändern sich die Bedürfnisse, welche Risiken abgesichert werden sollen und in welchem Maßstab. Wir werden das Verschwinden von Versicherungsprodukten sehen, die uns jahrzehntelang begleitet haben. Und gleichzeitig werden neue Versicherungsprodukte entstehen. Wenn Privatpersonen keine Autos mehr besitzen, benötigen sie keine Kasko-Versicherung. Aber wenn digitale Assistenzsysteme, die uns heute in Handys und morgen in Watches oder AR-Brillen begleiten werden, immer mehr in unseren Alltag aufgenommen werden, wird der Bedarf steigen, das Risiko einer Beschädigung der technischen Geräte abzusichern. Damit schnell, unbürokratisch und unproblematisch Ersatz geschaffen werden kann.

Versicherungsprodukte werden adaptiv.

Sie passen sich während ihres Lebenszyklus an individuelle und situative Bedürfnisse von Nutzern an. Es sind Produkte, deren Leistungsumfang sich nach dem Abschluss ändern wird. Dafür werden flexible Erlösmodelle benötigt. Menschen werden Versicherungsprodukte kaufen, weil diese in ihren Werte-Kanon oder ihre Community passen. Das verändert radikal die Produktwelten klassischer Versicherungen, bei denen one-size-fits-all-Produkte bestenfalls modifiziert werden können. Das verändert auch die Ansprache und Einbindung potenzieller Versicherungskunden über neue Touchpoints. Für alle Branchen gilt: Je analoger die Probleme heute sind, desto wahrscheinlicher ist es, dass digitale Lösungen etablierte Geschäftsmodelle aus dem Rennen werfen werden. Je flexibler, schneller, kleinteiliger und digitaler also Versicherungsprodukte und -abschlüsse werden, je simpler die Regelung des Schadensfalls wird, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Versicherungen, die diese Kunst beherrschen, in Zukunft die Treiber des Versicherungsmarkts sein werden.

chameleon

Versicherer müssen sich immer besser anpassen!

Wo wir gerade schon bei 2B AHEAD sind: Worauf beziehen sich die Prognosen Ihres Think Tanks? Wie betreiben Sie Ihre Zukunftsforschung?

Wir wissen, dass man die Zukunft nicht vorhersagen kann. Wer das behauptet, ist ein Scharlatan. Es lassen sich aus der Zukunft keine validen Daten erheben. Dennoch ist die Zukunftsforschung eine wissenschaftliche Disziplin. Sie baut auf einem Methodenkanon auf, der in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt und seitdem erfolgreich erprobt wurde. Im Kern ist die Zukunftsforschung eine Disziplin der qualitativen Sozialforschung. Als Zukunftsforscher gehen wir davon aus, dass Trends nicht vom Himmel fallen. Sie werden gemacht! Von Menschen, die über genügend Macht, Einfluss und Geld verfügen, um ihre Visionen zu verwirklichen. Mit diesen Menschen reden wir und sie lassen uns an ihren Vorstellungen teilhaben, mit welchen Ideen sie einen Markt nachhaltig verändern möchten. Unsere Prognosen beziehen sich ausschließlich auf Themen, die Relevanz für die wirtschaftliche Entwicklung von Unternehmen haben. Wir gehen dabei wertfrei an die Betrachtung von Technologien. Die ethische oder moralische Bewertung des Einsatzes neuer Technologien überlassen wir dabei unseren Kunden. Unsere Aufgabe ist es, so genau wie möglich darzustellen, welche Technologien das Potenzial haben, bisher funktionierende Geschäftsmodelle anzugreifen oder häufig sogar abzulösen. Aufbauend auf diesem Wissen können Unternehmen strategische Entscheidungen treffen und ihre eigene Zukunft absichern.

Glaskugel, Blick in die Zukunft

Zukunftsforschung ist kein Blick in die Glaskugel!

Viele Versicherungsunternehmen setzen auf die Kooperation mit Fin- oder InsurTechs. Ist das der Weg zum Überleben oder ist es lediglich eine Verzögerungstaktik?

Diese Kooperationen sind durchaus sinnvoll. Auch eine Integration in bestehende Unternehmensstrukturen kann sinnvoll sein. Startups haben einen entscheidenden Vorteil gegenüber großen Organisationen, die das Versicherungsgeschäft zum Teil schon über 150 Jahre lang betreiben. Sie sind schnell, agil und können sich an neue Umstände mit einer großen Geschwindigkeit anpassen. Aber der entscheidendste Vorteil von Startups ist meist, dass sie in genau einer Sache extrem gut sind. Sie besetzen eine Nische und lassen sich von den vielen Möglichkeiten, die es rund um ihr Produkt gibt, nicht ablenken. Große Organisationen mit einer extrem breiten Produktpalette und häufig sehr starren IT-Backends sind gezwungen, auf viele Aspekte ihrer Unternehmensorganisation Rücksicht zu nehmen. Bei Kooperationen großer Versicherungsunternehmen mit jungen Startups prallen häufig zwei sehr unterschiedliche Kulturen aufeinander. Um gemeinsam erfolgreich zu sein, ist das meist die größte Hürde, die von beiden Seiten zu nehmen ist.

Der Irrglaube der Sicherheit

Versicherungen bauen auf der Logik eines Kollektivs auf. Ohne das Kollektiv können Risiken nicht aufgefangen werden. InsurTechs, die genau ein Produkt anbieten, das auf individuelle oder situative Versicherungsbedürfnisse abzielt, greifen damit natürlich auch das Kollektiv großer Versicherungen an. Es wäre ein Irrglaube, sich dieser Entwicklung verschließen zu können. Das große Versicherungskollektiv wird sich nach und nach auflösen. Jedoch entstehen viele neue kleinere Kollektive. Mit datengetriebenen Geschäftsmodellen lassen sich auch in einem solchen Umfeld Risiken leicht bewerten und in individuelle, situative oder besser noch adaptive Produkte gießen. Versicherungsunternehmen, die

Innovative InsurTechs

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verstehen, adaptive Versicherungsprodukte auf den Markt zu bringen und unterschiedliche Kundensegmente intelligent über alle möglichen Kanäle hinweg zu bedienen, werden auch weiterhin eine sichere Zukunft haben und wachsen können.

Werden wir zukünftig von künstlichen Intelligenzen wie IBM Watson beraten? Wie lange wird es noch klassische Berater und Versicherungsmakler geben?

Dieses Szenario ist sehr realistisch. Schon heute vertrauen Menschen zunehmend auf digitale Assistenzsysteme, deren „Beratung“ als selbstverständlich und mit einem Grundvertrauen entgegengenommen wird. Einfach deshalb, weil deren Prognosen häufig viel akkurater sind als menschliche, die von Erfahrungswerten aus der Vergangenheit geleitet werden. Ich habe selbst ein paar Monate lang versucht, gegen die Prognosen aus meinem Navi im Stadtverkehr anzufahren. Irgendwann gab ich den Kampf gegen die Maschine auf und habe sie in mein Leben integriert. Wir sehen heute schon, dass sich immer weniger Menschen an Versicherungsmakler wenden, wenn es um den Abschluss einfacher, leicht vergleichbarer Versicherungsprodukte geht.

Im hart umkämpften Economy-Segment […] werden sie aber gegen künstliche Intelligenzen oder predictive analytics keine Chance haben.

Dennoch haben auch Makler eine Zukunft, wenn sie verstehen, wie sie im digitalen Zeitalter Nischen besetzen. Im hart umkämpften Economy-Segment mit einfachen, schnell skalierbaren und äußerst preiswerten Versicherungsprodukten werden sie aber gegen künstliche Intelligenzen oder predictive analytics keine Chance haben. Im Premium-Segment jedoch treffen Kunden Kaufentscheidungen aufgrund von Markenbindung oder Werten. In diesem Segment haben Makler durchaus eine große Zukunft, wenn sie die Werte und das Lebensgefühl der Kunden ansprechen und durch ihre Produkte transportieren können. Makler sind dann jedoch nicht mehr die klassischen Stadtbüromakler, sondern vielmehr so etwas wie Life-Coaches.

Produkte werden immer smarter und kommunizieren miteinander, steht die Versicherungsbranche bald vor der Herausforderung, dass Maschinen Maschinen versichern müssen?

Auf jeden Fall! Schon heute kommunizieren Abermilliarden von Dingen miteinander. Und die Auswertungen dieser Datenströme veranlassen diese Dinge, etwas zu tun. Der Kühlschrank, der automatisch Essen nachbestellt, ist keine Science Fiction mehr. Autonomes Fahren wird sich in den nächsten Jahren schrittweise durchsetzen. Das wird ganze Branchen vor neue Herausforderungen stellen. Und dennoch wird es – wenn auch wahrscheinlich in kleinerer Anzahl – Unfälle geben. Schäden werden entstehen. Wer, oder besser gesagt was hat den Schaden verursacht? Wer oder was übernimmt die Haftung? Wer oder was berechnet mögliche Risiken, die in einer Welt autonom agierender Dinge auftreten werden? Das können letztlich mit der gebotenen Effizienz nur Maschinen. Der Mensch wird dafür zu langsam sein.

Rückblick Zukunft Versicherung 2018

Wie sieht die Zukunft der Versicherungen aus?

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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