Der Faktor Menschlichkeit: Wohnpsychologie in der Baupraxis

Harald_Deinsberger-Deinsweger

Wohnpsychologie beschäftigt sich zum einen mit den Wohnbedürfnissen des Menschen und zum anderen mit der Wirkung von Räumen, Gebäuden und Wohnumfeldern auf das Verhalten, auf zwischenmenschliche Beziehungen sowie generell auf Wohlergehen und Gesundheit. Kurzum, es geht um den Faktor Menschlichkeit bei Gebäuden und Siedlungen.

Dr. Harald Deinsberger-Deinsweger ist Geschäftsführer von WOHNSPEKTRUM und Lehrgangsleiter der Wohnpsychologie-Ausbildung an der AAP Österreichischen Akademie für Psychologie.

Er studierte Architektur an der TU Graz und machte seinen Doktor in Wohnbau und Psychologie. Direkt im Anschluss war er zehn Jahre als Projektleiter eines Architekturbüros tätig. Heute entwickelt er bei WOHNSPEKTRUM Beratung und Gestaltungskonzepte am Arbeitsplatz und für Wohngebäude.

Den Faktor Menschlichkeit nicht unterschätzen

Ist es möglich, den wissenschaftlich scheinbar schwer greifbaren Terminus „Menschlichkeit“ – wir sprechen von „humanen und sozialen Qualitäten“ – bei Gebäuden zu erfassen oder gar zu messen?

Dies stellt ein durchaus lohnendes Ziel dar, denn wenn man exakt definieren kann, welche Wirkungszusammenhänge wo und wie zum tragen kommen, dann weiß man auch, welche baulichen, gestalterischen Maßnahmen hinsichtlich Wohnqualität wieviel bringen. Und man weiß darüber hinaus, welche Ausgaben man sich sparen kann, weil sie kaum etwas erwirken oder vielleicht sogar nachteilige Konsequenzen nach sich ziehen.

Bauen

Diese Auswirkungen können „falsche“ Baukonzepte haben

Zum Einstieg ins Thema, müssen wir uns kurz bewusst werden, was die meisten gängigen Wohnbauformen bei Mensch und Nachbarschaft bewirken können, wenn sie – sagen wir –“suboptimale“ Eigenschaften aufweisen.

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Dass beispielsweise Burn-Out und Depressionen gleichsam zu neuen Volkskrankheiten geworden sind, und dass im Gegenzug die sogenannte Resilienz vieler Menschen gesunken ist, hat nicht bloß mit einer eventuellen Zunahme beruflicher oder privater Belastungen zu tun, sondern häufig auch damit, dass viele Wohnbauformen kaum dazu geeignet sind, die eigenen „inneren Batterien“ wieder aufzuladen, und stattdessen häufig sogar zusätzliche psychische Belastungen unterschiedlichster Art generieren.

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Wenn Menschen paradoxerweise zugleich einem Übermaß an sozialen Kontakten (Crowding) ausgesetzt sind als auch im selben Wohnumfeld Gefahr laufen zu vereinsamen, wenn man das Gefühl hat, die Nachbarn wären einem zu nahe und sich zugleich keine unterstützende, als bereichernd erlebte Nachbarschaft entwickeln kann, dann sind dafür sozialpsychologisch mangelhafte Gebäudekonzepte verantwortlich.

Mikro-Apartment

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Wenn unterschiedliche Formen von sogenanntem Reaktanzverhalten – indem sich zum Beispiel Leute abschotten, sich bisweilen nahezu verbarrikadieren, Kontakt meiden, sich (auch innerlich) zurückziehen, gefolgt von Desinteresse und einer reduzierten Hemmschwelle für Beschwerden aller Art – nahezu alltäglich geworden sind, dann muss und darf dies nicht als gleichsam fixer Bestandteil der Mentalität hingenommen werden, sondern die eigentlichen Ursachen sind vielfach in fehlgeleiteten räumlichen Konstellationen zu finden.

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Auch viele Beziehungskonflikte und innerfamiliäre Schwierigkeiten lassen sich auf psychologisch ungünstige Raumstrukturen beziehungsweise Wohnsituationen zurückführen, in denen selbst die liebsten Mitbewohner oder die sympathischsten Nachbarn über kurz oder lang als Störfaktoren wahrgenommen werden.

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Analoges gilt für die Häufigkeit von Beschwerden oder gereizten Verhaltensweisen, für das Thema Sicherheit und Sicherheitsempfinden, für die Einbruchs- und Vandalismus­Wahrscheinlichkeit und vieles mehr …

Menschliches Bauen hat auch finanzielle Vorteile

Psychopathen in der WirtschaftDiese Liste ließe sich noch eine Zeit lang fortsetzen und zu all dem gibt es bereits einige praktikable wissenschaftliche Erkenntnisse. Es bedarf also keiner großen Wunder, um etwas zum Besseren zu wenden, sondern man muss einfach das Wissen nutzen, das bereits jetzt gleichsam vor der Tür liegt.

Die wissenschaftlichen Parameter der Wohn- und Architekturpsychologie bilden tatsächlich ein Grundgerüst, das den Faktor Menschlichkeit nicht nur umfassend überprüfen und bewerten kann, sondern vor allem auch erhöhen kann – wenn das Know-how professionell in Planungs- und Gestaltungsprozesse eingebunden wird.

Da auch mangelhafte Gebäude viel Geld kosten und über eine ganze Lebensspanne betrachtet sogar mehr Folgekosten nach sich ziehen können, wird das zentrale Ziel der Wohnpsychologie alles andere als utopisch: Dass unter denselben Rahmenbedingungen mit dem entsprechenden wissenschaftlichen Know-how stets wesentlich höhere menschliche und soziale Qualitäten möglich sind, die sich langfristig auch finanziell bezahlt machen können.

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
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