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Wachstum ist überbewertet! Die kleinste Bank Deutschlands

Rebellen gibt es nicht nur bei Star Wars und Widerstand nicht nur in gallischen Dörfern. Auch in Deutschland hat es eine – die kleinste – deutsche Bank geschafft, sich mit Charakter, Meinungsstärke und einem simplen Geschäftsmodell mediale Aufmerksamkeit und viel Liebe bei ihren Kunden zu erkämpfen. Wir schauen heute auf die Raiffeisenbank Gammesfeld, bei der tatsächlich die Welt noch in Ordnung ist.

Keine Computer

Gammesfeld ist ein Dorf, und zwar ein richtiges. Es gehört zur Gemeinde Blaufelden in Baden-Württemberg und hatte (Stand 2004) 500 und einen Einwohner. Der eine Einwohner ist Fritz Vogt, der ehemalige Chef der Raiffeisenbank Gammesfeld. Wir hörten das erste Mal von der Bank, als er sie noch leitete. Er war damals der einzige Mitarbeiter dort. Und die Mitarbeiterzahl hat sich auch mit dem neuen Chef Peter Breiter nicht verändert, der dort Vorstand und Putzkraft in Personalunion ist.

Fritz Vogt scheint ein sehr meinungsstarker Typ zu sein, wenn man sich alte Videos von ihm anschaut. Deshalb ist es wohl auch kein Zufall, dass in einer Zeit, die dominiert wird von Fusionen und Marktkonzentration, die beschauliche Bank mit ihren 328 Mitgliedern weiter existiert. Hier darf man nämlich nur Kunde werden, wenn man auch in der Gemeinde wohnt. Das scheint gut zu funktionieren, wenn man sich die Konditionen der Bank anschaut. Die aktuellen werden leider nicht über den Omnichannel kommuniziert, sondern hängen nur auf einem Schild in der Bank aus – aber die Zinsen auf ein Sparkonto bewegen sich in allen Berichten, die man über die Bank liest zwischen 2 und 3 Prozent. Die sind dann aber auch nicht verhandelbar. Der FAZ erzählte Vogt, die anderen Banken hätten halt eine überteuerte Technik. Währenddessen gibt es in der kleinen Filiale in Gammesfeld weder einen Computer, noch einen Bankautomaten.

Die Rebellen

Die etwas ausgekochte Aussage Vogts hat System. Denn auch im Süddeutsche-Interview verrät Peter Breiter, der „Geist von Gammesfeld“ sei es, dass alle Kunden gleich behandelt werden. Die Bank schaue nicht immer nur nach ihrem Profit, was ja eigentlich andere Banken auch umsetzen könnten. In der Bank herrscht noch der Geist von Friedrich Wilhelm Raiffeisen. Das heißt: Solidarität, Regionalität, Investieren in die Kunden, statt in die Bank. Das alte Logo der Raiffeisenbanken hängt hier – wie aus Protest – noch an der Fassade des kleinen Häuschens.

Das sagt Fritz Vogt, der in dritter Generation die Bank leitet, auch selbst. Der Geist von Raiffeisen sei gestorben und der Erhalt der Bank sei der Versuch, ihn wiederzubeleben. Wenn Geld von der Gemeinde verwaltet werde, statt von einem anonymen Unternehmen, gebe es eine ganz andere Vertrauensbasis für Geschäfte. Man kämpfe mit der Bank gegen die Missstände der heutigen Zeit, wolle Widerstand leisten, sagt Vogt im Gespräch. Hier geht es nicht um Wachstum und Gewinn, sondern um Sicherheit. Und das wird auch entsprechend von den Kunden goutiert, die der Bank absolut treu sind und bei „den Großen da“ nicht mitmachen möchten.

Friedrich Wilhelm Raiffeisen

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https://www.youtube-nocookie.com/watch?v=_QMmNZTLUxg

Ein Kampf

Zwar ist auch die Raiffeisenbank Gammesfeld nicht vor Finanzkrisen gefeit. Doch Breiter macht eine klare Ansage: „Wenn jetzt alle Banken umfallen, fallen wir auch um. Aber als letztes.“ Dieser Kampfgeist zieht sich durch die ganze Geschichte der Bank. So wollte ihr beispielsweise in den 80er Jahren die Bankenaufsicht die Betriebserlaubnis entziehen, da mit nur einem Mitarbeiter das Vier-Augen-Prinzip nicht eingehalten werden konnte. Fritz Vogt wurde sogar mit einer Gefängnisstrafe gedroht. Doch nach seiner Gegenklage entschied das Bundesverwaltungsgericht 1990, dass die Bank auch ohne die normalen Regeln weitermachen konnte.

Kämpferisch gaben sich die jeweiligen Vorstände auch, als sie 2006 und 2009 jeweils Räuber in die Flucht schlugen, die die Bank ausrauben wollten. Zuvor wurde tatsächlich mal die Tresortür aufgeschweißt, wobei Unbekannte 2000 Mark erbeuteten. Daraufhin ging Vogt einfach zum benachbarten Bauern, der den gleichen Tresor besaß – und bekam eine neue Tür geschenkt. Ganz frei ist die Bank in den beschaulichen Ort aber nicht von Finanzkrise, Eurokrise und Co. Derzeit hat Peter Breiter besonders mit der Bankenregulierung zu kämpfen, zum Beispiel mit dem Kreditregister Anacredit, mit dem Firmenkredite ab 25.000 Euro erfasst werden sollen. In einer Bank ohne Rechenzentrum und PC, in der selbst Kontoauszüge noch selbst geschrieben werden, kein einfaches Unterfangen. Dennoch ist er sich sicher, dass es die Bank auch in den nächsten Jahren weiterhin geben wird.

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Drei Lehren für die Filialstrategien der Großen

Da wir ja viel über Filialstrategien schreiben, möchten wir noch drei Lehren herausstellen, die auch größere Banken aus dem Auftritt der Raiffeisenbank Gammesfeld ziehen können.

  • Da ist zum einen das klare Branding der Bank. Das ist natürlich einfach, wenn das gesamte Personal zum Vorstand gehört, aber dennoch ist nicht zu verachten, wie klar hier Kante gezeigt wird. Das kommt auch als gutes Image bei den Kunden an. Und dass es auch größeren Banken möglich ist, so etwas zu transportieren, haben wir beispielsweise anhand der Sparda-Bank Berlin kürzlich gezeigt.
  • Zweitens gibt es bei dieser Bank das, was die Kunden bis heute am wichtigsten finden: Einen persönlichen Bezug zwischen Mitarbeiter und Kunden. Hier kommt jeder Kunde (zwangsläufig) in die Filiale, aber viele schwärmen auch davon, dass die Produkte einfach sind und die Arbeit handgemacht ist.
  • Nicht zuletzt finden wir das Filialkonzept der Bank ziemlich… einzigartig. Die Filiale hat Charme und die Kunden kommen gerne dorthin. Wahrscheinlich auch wegen des einzigartigen Service-Modells. Da hilft das Alleinstellungsmerkmal, dass die Mitglieder nicht zu größeren Instituten abwandern. Obwohl diese zum Beispiel Online-Banking oder Bankautomaten anbieten.

Artikelbild: Mikmaq, Wikimedia (CC BY-SA 3.0)

Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

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