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Schweizer Wasserkraft: Ausführliches Interview zu Konkurrenzfähigkeit und politischem Rahmen

Schweizer Wasserkraft: Ausführliches Interview Zu Konkurrenzfähigkeit Und Politischem Rahmen

Wie bleibt Wasserkraft wettbewerbsfähig? Im ausführlichen Interview befragen wir den Schweizer Experten Thomas Geissmann zu möglichen Maßnahmen in Politik und Wirtschaft. Und was hält man in der Schweiz eigentlich von der deutschen Energiewende?

Thomas Geissmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ETH Zürich. Als Experte für Energieökonomie publizierte er seit Jahren Fachartikel und Studien unter anderem im Auftrag des Schweizer Bundesamts für Energie. Auf die Wirtschaftlichkeit von Wasserkraft legt er bei seiner Arbeit einen besonderen Fokus.

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Dr. Thomas Geissmann

Das Marktumfeld der Schweizer Wasserkraft: Kein fairer Wettbewerb?

Herr Geissmann, Sie sprechen auf unserem Forum Wasserkraft darüber, dass die Wasserkraft in der Schweiz wieder wettbewerbsfähig werden soll. Ist sie das denn derzeit nicht?

Die Schweizer Stromversorgung wird zu mehr als 50 Prozent aus heimischen Wasserkraftanlagen gedeckt. Im aktuellen Marktumfeld rentiert die Schweizer Wasserkraft im Allgemeinen jedoch nicht sehr gut, da aufgrund von Marktverzerrungen kein fairer Wettbewerb stattfindet. Die anhaltend niedrigen Stromgrosshandelspreise und die immer kleiner werdende Differenz zwischen Peak- und Off-Peak-Preisen stellen ihre Rentabilität zunehmend in Frage, welche durch die Aufwertung des Schweizer Frankens vor zwei Jahren nochmals vermindert wurde. Eine signifikante Änderung dieser Situation ist bis auf weiteres nicht absehbar, ihre Ausprägung auf Unternehmensebene ist jedoch heterogen. Einzelne Wasserkraftwerke können trotz der momentan herausfordernden Marktsituation noch immer eine angemessene Rendite erwirtschaften, während dies für andere nicht möglich ist. Faktoren hierbei sind beispielsweise die Kraftwerkstechnologie wie Flusslauf oder Speicher, oder ob bei der Absetzung der Elektrizität auf ein bedeutendes Endkundengeschäft (d.h. auf gebundene Kunden) zurückgegriffen werden kann.

Im aktuellen Marktumfeld rentiert die Schweizer Wasserkraft im Allgemeinen jedoch nicht sehr gut, da aufgrund von Marktverzerrungen kein fairer Wettbewerb stattfindet.

Strukturelle Probleme der Schweizer Wasserkraft: Ertragslage, Marktverzerrungen, Ineffizienzen

Welche Maßnahmen wären erforderlich, um in der Schweiz besagte Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen? Was kann zum Beispiel die Politik tun, was die Wirtschaft?

Von einem wirtschaftspolitischen Standpunkt gesehen ist es wichtig, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit weiterhin Erneuerungsinvestitionen in die Wasserkraftwerke getätigt werden. Die meisten Wasserkraftunternehmen, auch die mit sehr schlechter Ertragslage, können die tiefen Marktpreise wahrscheinlich kurzfristig überleben. Besteht jedoch die Erwartungshaltung, dass mittel- bis langfristig keine Verbesserung dieser Bedingungen stattfindet, so werden Investoren zukünftig nur noch begrenzt oder gar nicht mehr investieren. Damit wäre das langfristige Bestehen der Schweizer Wasserkraft gefährdet. Mehre Massnahmen könnten ergriffen werden, um solches zu verhindern. Auf politischer Seite lassen sie sich beispielsweise dahingehend unterscheiden, ob sie auf langfristig orientierte Anpassungen der Rahmenbedingungen oder eher kurzfristig orientierte Fördermassnahmen abzielen. Kurzfristig orientierte, auf politischer Ebene debattierte Fördermassnahmen sind beispielsweise eine Marktprämie für Grosswasserkraftanlagen. Solche Subventionen beheben die strukturellen Probleme jedoch nicht.

Die Schweizer Politik sollte bemüht sein, ihre Interessen in der europäischen Diskussion einzubringen.

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Im Rahmen einer langfristigen Änderung der Marktbedingungen sollten die derzeitigen Marktverzerrungen behoben werden. Dazu ist beispielsweise eine Reform des Emissionshandels auf europäischer Ebene notwendig, wobei die Debatte diesbezüglich im Gange ist. Die Schweizer Politik sollte bemüht sein, ihre Interessen in der europäischen Diskussion einzubringen. Die ebenfalls diskutierten Kapazitätsmechanismen beispielsweise können nur dann zusätzliche Einnahmen für die Wasserkraft generieren, wenn Schweizer Anbieter auch an den ausländischen Kapazitätsmechanismen teilnehmen dürfen. Die Schweizer Politik hat jedoch nur begrenzten Einfluss auf die europäischen Marktentwicklungen. Es ist daher wichtig, sich auf jene Aspekte zu konzentrieren, bei denen die Schweizer Vorgaben einen wichtigen Einfluss auf die Rentabilität der Wasserkraft haben. Diesbezüglich kann die Politik auf Bundesebene mehrere langfristig orientierte Massnahmen zur Verbesserung der Kostenstruktur ins Auge fassen. So könnte der Bund z. B. Bürgschaften zur Erleichterung der Last bei der Finanzierung des Fremdkapitals gewähren. Für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der Wasserkraft ist jedoch insbesondere die Rolle des Wasserzinses als kostentreibender Faktor von zentraler Bedeutung. Die Berechnung des bundesrechtlichen Wasserzinsmaximalsatzes beruht momentan nicht auf ökonomischen Faktoren, sondern auf der technischen Bruttoleistung des Kraftwerks. Da somit weder die Kosten- noch die Ertragslage eine Rolle spielen, wird der Inputfaktor Wasser nicht wert- oder marktorientiert besteuert. Um den langfristigen Erfolg der Wasserkraft und damit auch der Wasserzinseinnahmen zu sichern, scheint eine Anpassung des Wasserzinsmechanismus unumgänglich. In einem kompetitiven Markt impliziert dies, dass auch die von den Wasserkraftunternehmen zu entrichtenden Wasserzinsen auf ökonomischen Grundsätzen beruhen und flexibel und marktorientiert sein sollten. Die Wasserzinsen tragen teilweise jedoch einen wesentlichen Anteil zum Haushaltsbudget der Bergkantone und -gemeinden bei. Dadurch ergeben sich verteilungspolitische Fragen, die in der Diskussion berücksichtigt werden müssen.

Die Unternehmen ihrerseits müssen insbesondere mit Anpassungen auf ihrer Kostenseite reagieren, da sie auf die Preisentwicklung selbst keinen Einfluss haben. Sowohl bei den Kosten als auch Effizienzsteigerungspotentialen besteht eine sehr hohe Heterogenität zwischen den Unternehmen. Im Falle von kurzfristigen staatlichen Interventionen zur Stützung der Wasserkraft sollte dieser Heterogenität daher Rechnung getragen werden. Dabei gilt auch zu beachten, dass bei der Wasserkraft viele der Kosten fix sind. Bei einem allfälligen Kostenreduktionspotential sind daher nur Teile kurzfristig umsetzbar. Insgesamt stellen die Kapitalkosten, welche neben den Amortisationskosten noch den Finanzaufwand sowie dem Gewinn vor Steuern beinhalten, mit ca. 40 Prozent der Gesamtkosten die grösste Kostenkategorie dar. Ein weiterer wichtiger Kostenblock sind die Abgaben der Wasserkraftunternehmen an die öffentliche Hand. Diese umfassen Wasserzinse, sonstige Steuern und Abgaben sowie Ertragssteuern. Mit rund 1.5 Rp./kWh machen sie ca. 25 Prozent der Gestehungskosten aus, davon entfallen wiederum rund 80 Prozent auf die Wasserzinse. Einhergehend mit der Verschlechterung der Marktsituation wurden diese Abgaben in den letzten Jahren jedoch stark gesteigert. So wurde das Wasserzinsmaximum zu Beginn des Jahres 2011 um 25  Prozent und anfangs 2015 nochmalig um 10  Prozent erhöht.

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Vielen Dank für das Interview!

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Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

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