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MiFID II: Gibt es auch „zu viel“ Anlegerschutz?

MiFID II: Gibt Es Auch „zu Viel“ Anlegerschutz?

Hartmut Renz, Chief Compliance Officer der LBBW, spricht in einem ausführlichen Interview mit uns über Neuerungen, Chancen und Risiken der EU-Richtlinie MiFID II. Diese wird am 3. Januar 2018 in Kraft treten.

Hartmut Renz hat in Heidelberg Rechtswissenschaften studiert. Er ist Rechtsanwalt und verantwortet seit 2016 als Chief Compliance Officer der LBBW Landesbank Baden-Württemberg in Stuttgart deren globale und konzernweite Compliance-Funktion. Von 2014 – 2015 hat er als Counsel im Frankfurter Büro von Kaye Scholer LLP in allen sowohl rechtlichen als auch strukturellen Fragen der Finanz- und Kapitalmarktregulierung beraten. Ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit bildete die Compliance-Beratung insbesondere hinsichtlich der Kapitalmarkt-Compliance und Immobilien-Compliance sowie des Gesellschaftsrechts und der Corporate Governance. Antikorruption, Betrugsbekämpfung und Datenschutz sind weitere Bereiche, in denen er über langjährige und weitreichende Erfahrung verfügt. Zuvor hat er mehr als zehn Jahre als Compliance-Beauftragter / Group Compliance Officer Capital Markets die Compliance-Stelle bei der Landesbank Hessen-Thüringen Girozentrale (Helaba) in Frankfurt geleitet. In dieser Funktion war er u.a. Mitglied des Sanktionsausschusses der Frankfurter Wertpapierbörse. Davor verantwortete er die Investment Banking-Grundsatzabteilung der DZ Bank AG und war für die Betreuung kapitalmarktrechtlicher Fragestellungen verantwortlich.

Hartmut Renz

Hartmut T. Renz

Die Überarbeitung der MiFID I Richtlinie

Herr Renz, aus welchen Gründen wird denn die „alte“ MiFID schon 10 Jahre nach Inkrafttreten ersetzt?

Die EU-Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID II, Markets in Financial Instruments Directive), kurz Finanzmarktrichtlinie, stellt das regulatorische Rahmenwerk für Wertpapiergeschäfte in Europa dar. Sie löst die MiFID I ab, die als EU-Richtlinie im Jahr 2004 in Kraft getreten und im November 2007 in Deutschland in nationales Recht umgesetzt worden ist. Die MiFID II regelt und harmonisiert europaweit den Wertpapierhandel und setzt hohe Standards für den Anlegerschutz. Da sich in den letzten Jahren die Marktstrukturen und Innovationen auf den Finanzmärkten stark verändert haben sowie die Folgen der Finanzmarktkrise zu neuen aufsichtsrechtlichen Vorgaben führen mussten, hat die EU-Kommission Ende 2010 eine Konsultation zur Reform der MiFID I gestartet.  Vertreter des EU-Parlaments, des Rates und der EU-Kommission haben sich Anfang 2014 auf die Überarbeitung der MiFID I Richtlinie verständigt. Die MiFID II soll die Transparenz in den Märkten sowie die Effizienz und Integrität der Finanzmärkte weiter erhöhen. Zum Schutz der Anleger sind weiter verschärfte Regeln im Vertrieb von Finanzprodukten geplant.

Da sich in den letzten Jahren die Marktstrukturen und Innovationen auf den Finanzmärkten stark verändert haben sowie die Folgen der Finanzmarktkrise zu neuen aufsichtsrechtlichen Vorgaben führen mussten, hat die EU-Kommission Ende 2010 eine Konsultation zur Reform der MiFID I gestartet.

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MiFID II: Die wichtigsten Eckpunkte sind Marktinfrastruktur und Anlegerschutz

Was sind Ihrer Meinung nach die wichtigsten Eckpunkte der neuen Richtlinie?

Die Stoßrichtung der MiFID II Neuerungen gehen im Wesentlichen in zwei Richtungen:  Zum einen sollen zusätzliche und weiterreichende Regulierungen zur Marktinfrastruktur bzw. Markttransparenz erfolgen. Zum anderen wird es ergänzende und striktere Vorschriften für das Wertpapierdienstleistungsgeschäft geben. Erstere betreffen insbesondere professionelle Marktteilnehmer wie Wertpapierdienstleistungsunternehmen, letztere zielen auf die sich über alle Säulen der europäischen Aufsichtsbehörden abzeichnende „Stärkung des Anlegerschutzes“ ab. Damit sollen  vor allem, aber nicht nur, Geschäfte mit privaten Kunden und Verbrauchern stärker reguliert und diese damit geschützt werden.

Wesentliche Regelungsinhalte im Bereich Marktinfrastruktur sind die Handelsplatzpflicht sowie die Analyse und Umsetzung der systematischen Internalisierung.  Im Rahmen der Markttransparenz sollen einige neue Meldevorschriften z. B. bei der Nachhandelstransparenz, weitere Klarheit insbesondere im Hinblick auf die Preisgestaltung bei einzelnen Finanzinstrumenten für alle Marktteilnehmer erzeugen.

Im Rahmen des verbesserten Anleger- und Verbraucherschutzes soll es weitreichende Regelungen zu Kriterien der Produkteinführung, deren Zielmarkt- und Zielgruppenbestimmung bis hin zu verschärften Vorgaben im Umgang mit sogenannten Zuwendungen, mit der Kostentransparenz und zum Interessenkonfliktmanagement geben. Alle diese Vorgaben zielen darauf ab, den Anleger in die Lage zu versetzen, schneller, systematischer und mit einer höheren Transparenz die für ihn richtige Anlageentscheidung zu treffen und bei chancenorientierten Anlagemöglichkeiten im Vorfeld Klarheit über das Chancen- und Risikoprofil im Detail zu bekommen.

…gerade die Verzahnung der Regulierungsvorgaben und deren Wechselwirkungen sollten die Kreditinstitute zum Anlass nehmen, ihre Geschäftsmodelle und Geschäftsprozesse auf den Prüfstand zu stellen…

Veränderungen ziehen sich durch jegliche Prozesse der Banken

Welche Herausforderungen kommen damit ab 2018 auf die Banken zu? Und warum denken Sie, wurde der Starttermin von MiFID II auf den 3. Januar 2018 verschoben?

Die Herausforderungen bei der Umsetzung der Vorgaben der MiFID II liegen zum einen darin, dass sich die neuen regulatorischen Anforderungen durch sämtliche Prozesse innerhalb eines Wertpapierdienstleistungsinstituts ziehen. Dadurch entstehen Wechselwirkungen in den Anpassungen der jeweiligen Prozessschritte. Diese stellen eine Herausforderung für jedes Institut bei der IT-bezogenen Umsetzung dar – aber auch eine Chance.

Denn gerade die Verzahnung der Regulierungsvorgaben und deren Wechselwirkungen sollten die Kreditinstitute zum Anlass nehmen, ihre Geschäftsmodelle und Geschäftsprozesse auf den Prüfstand zu stellen, die Komplexität in Systemen und Plattformen zu hinterfragen und Ihre Produkt- und Dienstleistungspalette zu optimieren. Daher ist die MiFID II Richtlinie neben dem enormen Umsetzungsaufwand für die Institute an einigen Stellen auch als Chance zu verstehen, die Geschäftsprozesse und Produktpalette zukunftsgerichteter auszurichten. Dies bietet für uns als LBBW auch die Möglichkeit, die Bank noch stärker aus der Kundenperspektive heraus zu steuern und zielgerichtet auf die Bedürfnisse  jedes einzelnen Kunden noch intensiver eingehen zu können.

Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Anlegerschutz, der für uns im Haus der LBBW einen unverändert hohen Stellenwert besitzt, aufgrund von regulatorischen Vorgaben zu einer Bevormundung des Kunden im jeweiligen Beratungsgespräch führt.

Denken Sie, die Kunden werden von den Regelungen profitieren? Oder könnte der Schuss auch nach hinten losgehen?

Die Umsetzungsaufwände für die Implementierung der Vorgaben der MiFID II stellen die Wertpapierdienstleistungsunternehmen neben der aktuellen Niedrigzinsphase vor große Herausforderungen. Die Kunst bei der Umsetzung der Vorgaben der MiFID II besteht darin, dem Kunden einerseits weiterhin mit der Produktpalette der Bank seine konkreten Wünsche zu erfüllen und andererseits die aus regulatorischer Sicht für ihn geeigneten Produkte auch anbieten zu können. Es darf nicht der Eindruck entstehen, dass der Anlegerschutz, der für uns im Haus der LBBW einen unverändert hohen Stellenwert besitzt, aufgrund von regulatorischen Vorgaben zu einer Bevormundung des Kunden im jeweiligen Beratungsgespräch führt. Vielmehr werden wir unsere Prozesse dahingehend ausgestalten, dass wir noch zielgerichteter die Wünsche des Kunden, orientiert an seinen Bedürfnissen, konkret erfüllen können.

Daher zielen unsere Anstrengungen weiterhin auf eine zielgerichtete und bedarfsorientierte  Beratung innerhalb der regulierten Rahmen zur Zufriedenheit unserer Kunden ab. Denn unser Geschäftszweck bleibt trotz aller regulatorischen Vorgaben, die Bedürfnisse unserer Kunden zu erfüllen und als Wertpapierdienstleistungsunternehmen serviceorientiert gute und pragmatische Lösungen für unsere Kunden vorzuhalten.

 

Vielen Dank für das Interview!

Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

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