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Künstliche Intelligenz und Produktion – eine Liebesheirat!

Künstliche Intelligenz Und Produktion – Eine Liebesheirat!

Künstliche Intelligenz meint die Digitalisierung menschlicher Wissensfähigkeiten. Und die wissenschaftlichen Fortschritte der letzten 20 Jahre sind in der Tat atemberaubend. Nach Schach und dem Erfolg von Deep Blue gegen den amtierenden Weltmeister Garry Kasparov 1997, nach Jeopardy und IBM Watson 2011, nach Go und der Niederlage von Lee Se Dol gegen Alphago von Google Deepmind im März 2016, nach dem Poker-Erfolg des KI-Systems Libratus im Januar 2017, kann man auch nach einer nüchternen Analyse Maschinen in einigen Bereichen ein groß- oder weltmeisterliches Niveau nicht absprechen. KI ist in der öffentlichen Darstellung nun Arzt und Apotheker, Therapeut und Orakel. Algorithmen sind die neuen Medikamente, Daten das neue Öl und Öl das Gold von gestern. KI ist in der Tat wichtig für Industrie 4.0, die Zukunft der Produktion und verwandte Themen, die seit 2011 immer das Suffix „4.0“ tragen – das für den Impact der 4. Industriellen Revolution steht. Und es stimmt: KI kann bei der Lösung der drängendsten Probleme unserer Zeit helfen.

Reinhard Karger hat in Wuppertal theoretische Linguistik studiert. 1993 wechselte er zum Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), für das er bis heute arbeitet.

Acht Jahre war er Projektmanager für das weltgrößte Sprachtechnologieprojekt „Verbmobil – Multilinguale Verarbeitung von Spontansprache“. Seit 2000 leitet Reinhard Karger die Unternehmenskommunikation des DFKI.

Reinhard Karger schreibt für das DOKmagazin und DIGITUS, den CeBIT-Blog, Internet World Business oder die FAZ. Zusätzlich ist er Mitglied des Bundesverbands deutscher Pressesprecher (BdP) und seit Mai 2014 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Information und Wissen e.V. (DGI).

Reinhard Karger

Reinhard Karger

Maschinen haben keinen Willen zur Macht

Aber es lohnt sich genauer hinzusehen, um nicht Opfer überzogener Erwartungen zu werden. Die sogenannte starke KI zielt auf das umfassende künstliche menschenähnliche Etwas – letztendlich den Homunculus, das künstliche Menschlein als Kopfgeburt. Dieser Ansatz trägt in sich die Frage nach dem Willen zur Macht, aber auch die Frage nach der möglichen Übertragung des persönlichen Selbstbewusstseins auf eine Maschine – also letztendlich die digitale Unsterblichkeit. Hollywood ist dankbar und verkauft gerne unterhaltsam handlungsreiche, opulente Filme, in denen machtlüsterne Maschinen den Menschen zuerst überflügeln, um ihn dann in Reservate zu sperren oder auszurotten oder als Biokraftwerk und Energieproduzent zu missbrauchen. Viel Fiction, wenig Science.

 

Nützliche digitale Assistenten für kreative menschliche Ziele

Bei der schwachen KI – und das interessiert uns am DFKI und bei dem praktischen Einsatz in der Produktion – geht es nicht um das künstliche Bewusstsein, nicht um die Simulation des menschlichen Denkens, nicht um die Konkurrenz und einen Mensch-Maschine Verdrängungswettbewerb, sondern um Mensch-Maschine-Interaktion und Kollaboration. Die schwache KI konzentriert sich auf einzelne konkrete Fähigkeiten und auf die Implementierung von nützlichen digitalen Assistenten, die den Menschen in seinen jeweiligen Handlungskontexten optimal unterstützen, seine selbstgewählten Ziele besser leichter oder mit einer höheren Qualität zu erreichen. Computer eignen sich hervorragend für diesen Versuch, dieses Projekt, das seit über 60 Jahren immer mehr lernt über die tatsächliche menschliche Verarbeitungsleistung. In einer groben Klassifikation kann man beim Menschen sensomotorische, kognitive, emotionale und soziale Fähigkeiten unterscheiden – und immer gehört Wissen dazu. Inhaltlich geht es sensomotorisch um das Gehen, Greifen oder das Balancieren, kognitiv um das Erinnern und Einordnen von Einsichten und Fakten, emotional um das Verstehen und Erahnen der Gefühle und Einstellungen des Gegenübers und sozial um das Verhalten von und in Gruppen. In der Hoffnung und darüber hinaus haben wir als Gemeinschaft die Chance auch kollektive Intelligenz zu entwickeln, denn die Gruppe ist mehr als die Gesamtheit ihrer Mitglieder – eine menschliche Chance, die allerdings oft durch menschliche Eitelkeit verpasst wird.

Leicht für den Menschen, schwer für die Maschine

RoboterMaschinen leisten in einzelnen Kategorien Erstaunliches – besonders bei den sensomotorischen und noch mehr bei den kognitiven Fähigkeiten. Die emotionale oder soziale Intelligenz ist allerdings für aktuelle Systeme überkomplex und weitgehend unerschlossenes Gebiet. Erstaunlich ist das KI-Paradoxon: Je einfacher für den Menschen, desto schwerer für die Maschine (und vice versa). Heißt: Die für uns fühlbare Anstrengung, Beanspruchung, Belastung verhält sich umgekehrt proportional zur formalen Verarbeitungskomplexität. Oder: Was für uns vollkommen selbstverständlich ist, ist für die Maschine vollkommen unerreichbar; was für Computer außerordentlich unproblematisch ist, überfordert uns schon in einem sehr frühen Stadium. Stichwort Kopfrechnen. Zusammengefasst: Die Hochachtung vor der menschlichen Alltagsintelligenz wächst in dem Maß, in dem man versucht, sie zu formalisieren – oder maschinell zu simulieren.

 

Verteilte Produktion und vernetzte Intelligenz

In der vernetzten Produktion braucht man ein wenig, aber nicht überragend viel maschinelle Alltagsintelligenz. Deswegen wird KI im Industriekontext immer wichtiger, werden die Einsatzgebiete für Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) immer konkreter, zum Beispiel bei der Fernwartung, Telepräsenz, Teleproduktion bzw. Teleoperation. Durch Fortschritte in den Bereichen Virtual Reality (VR), Mixed Reality (MR) und die Entwicklung von anpassbaren und trainierbaren Leichtbaurobotern werden neue Formen der Multi-Site-Produktion, der standortübergreifenden Produktion und Wartung unterstützt.

Virtual Reality

In der Praxis werden Formen der kollaborativen Fabrikarbeit möglich, die es den Mitarbeitern erlauben, mit Hilfe von Mixed-Reality-Technologien intuitiv verschiedene Arten von Robotern zu bedienen. So können Mitarbeiter an einem Ort mit Hilfe von Mixed-Reality-Lösungen (z.B. Hololens) virtuell mit Robotern und Kolleginnen und Kollegen an einem anderen Ort gemeinsam und flexibel Aufgaben lösen. Mit Hilfe des Mixed-Reality-Systems ist es möglich, Objekte in einer dreidimensionalen virtuellen Repräsentation des Kollaborationsszenarios in Echtzeit zu manipulieren. Der Mitarbeiter kann dabei mit dem Roboter interagieren, indem er auf die virtuelle Repräsentation des Zielobjekts schaut und durch eine Geste die gewünschte Aktion auslöst. Das heißt die Handlung/Geste eines Menschen an einem Standort führt zu einer direkten robotischen Aktion an dem anderen Standort. Das hilft beim Ausrollen von neuen Maschinen, der Schulung von neuen Verfahren oder bei erfolgskritischen Updates, reduziert Maschinenausfallzeiten und vermeidet ungeplanten Produktionsstillstand.

Konstruktiver Realismus und visionäre Energie!

Was brauchen wir? Was brauchen wir nicht? Wir sollten nicht überzogene Erwartungen kultivieren, sollten Hollywood-Diskussionen nur gut gelaunt in der Freizeit führen und die Entwicklung realistischer KI-Assistenzsysteme und neuer Formen von Mensch-Maschine Zusammenarbeit konstruktiv befördern! Das ist wichtig für den Mittelstand und es ist wichtig für die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, denn spätestens, wenn es um Gefahrgut geht, profitieren alle von leistungsfähigen und feinfühligen maschinellen Assistenten, die keinen Schaden anrichten, sondern helfen, dass ein Schaden abgewendet werden kann.

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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