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Industrie 4.0 in Deutschland – momentan noch eine Illusion?

Industrie 4.0 In Deutschland – Momentan Noch Eine Illusion?

Die Faszination für Produktion begleitet Prof. Dr. Andreas Syska sein gesamtes Berufsleben. Nach seinem Maschinenbaustudium mit Schwerpunkt Fertigungstechnik an der RWTH Aachen war er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Aachener Forschungsinstitut für Rationalisierung tätig. Nach seiner Promotion zum Dr.-Ing. ist er in die Industrie zur Robert Bosch GmbH gewechselt.

An der Hochschule Niederrhein vertritt er nun das Lehr- und Forschungsgebiet Produktionsmanagement und versucht, seinen Studenten sowie seinen Kooperationspartnern in der Industrie ein größtmögliches Stück dieser Faszination weiterzugeben.

Andreas Syska

Prof. Dr. Andreas Syska

Wenn es um die Fabrik von morgen geht, beherrscht Industrie 4.0 seit über fünf Jahren die Diskussion. Doch dabei wurde weder die eigentliche Bedeutung dieses Themas erkannt, noch die Zielgruppe von Industrie 4.0 – der produzierende Mittelstand – erreicht.

Industrie 4.0 wird vornehmlich von zwei Gruppen vorangetrieben: Den Fabrikausrüstern und der Forschung. Für die Fabrikausrüster ist Industrie 4.0 ein willkommenes Konjunkturprogramm und die Forschung freut sich über Zuwendungen der öffentlichen Hand.

KATA-CoachingDiese Protagonisten treiben in ihrer Rolle als Experten die Politik erfolgreich vor sich her und beeinflussen maßgeblich die Agenda und die Mittelverwendung. Hier liegt ein Konstruktionsfehler der Förderung von Industrie 4.0: Die Experten sind auch gleichzeitig die Nutznießer dieser Gelder – es besteht zweifelsfrei ein Interessenkonflikt.

Am Mittelstand vorbei

Bei der Industrie 4.0 erfolgt eine Fokussierung auf Automation. So erscheint sie als eine Weiterführung von Themen, die bereits seit 70 Jahren auf der Agenda stehen. Deshalb kommt Industrie 4.0 nicht aus dem kleinen Karo der Fabrik heraus, es wird fast ausschließlich mit Effizienzgewinnen argumentiert. Hinzu kommt, dass die in diesem Zusammenhang versprochenen Größenordnungen im einstelligen Prozentbereich liegen, was erfahrene Produktionsmanager nicht beeindruckt. Diese Effekte können auch auf konventionellem Wege erzielt werden – und das ganz ohne Investitionsrisiko und ohne das Risiko des Datenverlusts.
Leichtfertig wird Industrie 4.0 mit der Fabrik der Zukunft gleichgesetzt, die man sich quasi durch Automation einkaufen kann. Von Risiken und Nachteilen ist nicht die Rede – auch nicht von Seiten der Wissenschaft – man spricht nur von Chancen und Vorteilen. Hinzu kommt, dass gegenüber dem Mittelstand mit Angst vor dem Verlust der Wettbewerbsfähigkeit operiert und das Gefühl der Alternativlosigkeit vermittelt wird. Vertrauensbildend ist dies nicht. Deshalb fühlt sich der Mittelstand von Industrie 4.0 nicht angesprochen. Mit seinem sicheren Gespür für das Richtige ist er skeptisch und abwartend.

Am Mitarbeiter vorbei

Lean ManagementAuch ist die Rede davon, dass die Arbeit in den Fabriken hochwertiger wird und sich der Mitarbeiter zum Dirigenten der Wertschöpfung wandelt. Dies ist nicht richtig. Vielmehr verschiebt sich die Macht in den Fabriken grundlegend und zum Nachteil des Mitarbeiters. Der Mitarbeiter wird zukünftig seine Anweisungen von Maschinen oder direkt vom Material erhalten und zukünftig nur noch einfache Hilfstätigkeiten ausführen – ein eigenartiges Verständnis von Dirigententum.

Anders als heute sind die Mitarbeiter auch nicht mehr länger eingeladen, dieses System mitzugestalten. Dies wird nun wieder alleinige Aufgabe der Ingenieure sein und ist damit ein ganz klarer Schritt in die längst überwunden geglaubte Zeit des Taylorismus.

Darüber hinaus wird das Beschäftigungssaldo negativ ausfallen – dies liegt ja auch in der Logik des Strebens nach Effizienzgewinnen. Aussagen, wonach per Saldo mehr Beschäftigung entsteht, sind durch nichts zu belegen, basieren auf reinem Wunschdenken und haben den Charakter einer hastig verabreichten Pille, die das besorgte Publikum beruhigen soll.

Frontalangriff auf den Wohlstand

Damit nicht genug: Die durch Industrie 4.0 konzipierte Vernetzung der Systeme ist darauf ausgelegt, Informationen allen am Wertschöpfungsprozess Beteiligten bereitzustellen. Hierbei handelt es sich um das Wissen um Produkte und Produktionsverfahren.

Das ist gut für diejenigen, die über dieses Wissen noch nicht verfügen, aber schlecht für die, die dieses Wissen teilen müssen – also schlecht für unsere Wirtschaft. Ob dies nun mit oder ohne Cloud erfolgt, beeinflusst nur die Geschwindigkeit des Wissensverlustes, nicht aber die Tatsache als solche.

Lean ManagementMit diesem Wissen geht aber auch der Wettbewerbsvorteil verloren und die heimische Industrie wird vom kundenorientierten Problemlöser zum austauschbaren Komponentenlieferanten degradiert. Sie kann in einem globalen Wettbewerb dann nur noch über den Preis verkaufen. Dies wird nicht gelingen. Industrie 4.0 ist in der derzeitigen Form somit ein Frontalangriff auf unseren materiellen Wohlstand.

Falscher Ansatz

Die eigentliche Revolution findet außerhalb der Industrie statt. Dies kann man aber nicht erkennen, wenn der Denkhorizont am Werkstor endet. Industrie 4.0 zielt auf die Performanceverbesserung einer Industrie, die es so bald nicht mehr geben wird und geht damit am Thema vorbei. Die Fabriken werden ihr Monopol auf die Produktion verlieren. Wissen, Kapital und Zugriff auf Produktionsmittel werden zum Allgemeingut. Das Machtverhältnis zwischen Produzent und Kunde wird derzeit neu erstritten, die Trennung zwischen Produktentwicklung, -erzeugung und -nutzung wird keinen Bestand mehr haben. Die Formel „Produzent produziert, Kunde konsumiert“ gilt zukünftig nicht mehr.

Die Macht hat derjenige, der sich zwischen Produzent und Kunde schiebt. Dies gelingt den – meist US-amerikanischen – Internetkonzernen in Sektoren wie Freizeitverhalten, Handel und Mobilität hervorragend. Warum sollten sie nicht auch versuchen, die Kontrolle über die industrielle Wertschöpfung zu erlangen?

Konzepte, wie dem zu begegnen ist, sucht man bei Industrie 4.0 allerdings vergebens – stattdessen feiern sich die Protagonisten für Detaillösungen der Fabrikautomation. Deutschlands Antwort auf diese Herausforderung besteht im Ertüfteln von technischen Schnittstellen, während man in den USA Geschäftsmodelle entwirft. Deutschland will wissen, wie Industrie 4.0 technisch geht – die USA will wissen, wie man damit Geld verdient.

Und nun?

Das Internet der Dinge ist eine Technologie, die weit über die Fabrikgrenzen hinaus unsere Welt verändern wird. Industrie 4.0 beschäftigt sich hierzulande aber nur mit der Perfektionierung des Bestehenden und kommt deshalb nicht über die fabrikfixierte Nabelschau im Rahmen tradierter Geschäftsmodelle mit dem ausschließlichen Ziel der Effizienzverbesserung hinaus.

Dies muss sich ändern. Es kann nicht darum gehen, die klassische Industrie mittels Automation zu ertüchtigen, sondern Modelle für die Industrie der Zukunft zu entwickeln. Wir halten mit dem Internet der Dinge eine mächtige Technologie in den Händen. Sie gibt uns die historisch einmalige Chance, zu bestimmen, wie wir zukünftig leben, wirtschaften und arbeiten wollen. Deshalb muss das Thema endlich von den Menschen und der Gesellschaft her gedacht werden!

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Claudia Blum

Bei Management Circle bin ich für die Personal-, Produktions- und Soft Skills-Themen zuständig. Ich betreue außerdem den Blog zu den Iran-Veranstaltungen. In diesen Portalen informiere ich Sie stets über alle Trends und Entwicklungen. Ich freue mich auf Ihre Anregungen und einen guten Wissensaustausch.

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