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Indikatorenumkehr: Die Ressource „Mitarbeiter“ im Zeitalter von Industrie 4.0

Indikatorenumkehr: Die Ressource „Mitarbeiter“ Im Zeitalter Von Industrie 4.0

Die Digitalisierung unterstützt den Menschen in vielerlei Hinsicht. Auch in der Industrie wurden viele Aufgaben des Menschen inzwischen von Systemen und Techniken übernommen. Wie hat sich aber die Rolle des Mitarbeiters in der Industrie 4.0 verändert? Michael Wiesel, freier Dozent an der dualen Hochschule Baden-Württemberg im Fach „Instandhaltungsstrategien“, erklärt es Ihnen und gibt einen Einblick in die Methode der Indikatorenumkehr.

Dipl. Ing. Michael Wiesel (FH) ist seit mehr als 35 Jahren in Bereichen der Instandhaltung, der Qualitätssicherung, der Produktion oder der Projektleitung tätig. In Ergänzung zu seinem Studium hat er 2011 den Abschluss als European Maintenance Engeneer von der European Maintenance Management Academy erworben. Nach zweijährigen Ausbildungstätigkeiten für das „Institut für Instandhaltungsmanagement“ ist Michael Wiesel seit 2013 als freier Dozent an der Dualen Hochschule Baden Württemberg DHBW tätig und unterrichtet das Fach „Instandhaltungsstrategien“ im Studiengang „Serviceingenieurwesen“. Seit 1985 ist Michael Wiesel bei den Michelin Reifenwerke beschäftigt mit Einsätzen an Standorten in Deutschland und im europäischen Ausland.

Michael Wiesel

Michael Wiesel

Das Zeitalter der Industrie 4.0

Während sich die drei ersten industriellen Revolutionen ihren Namen durch den Wandel, der mit ihnen einherging, verdient haben, lebt die Industrie 4.0 von ihren selbsternannten Vorschusslorbeeren.

Trotzdem bleibt es keinem verborgen, dass allgegenwärtige Sensorik, Vernetzungen, Videounterstützungen, Big Data, die Nutzung von Smartphones und Tablets und die damit einhergehende Digitalisierung, künstliche Intelligenz usw. ihren Platz in unserem Leben und somit auch in unseren Unternehmen eingenommen haben.

War der Mensch früher der alleinige Problemlöser, unterstützen uns heute Informations- und Assistenzsysteme und nicht selten werden fundierte Lösungen schon durch (oftmals dezentrale) Diagnosetools vorgegeben. Lediglich die rein technischen Umsetzungen (zum Beispiel die Reparaturen, die vorbeugenden Maßnahmen oder sonstige notwendige Interventionen) haben sich in Bezug auf ihren Personalbedarf wenig geändert.

Der Wandel der Ressource „Mitarbeiter“

Auch wenn sich niemand neuen Herausforderungen verschließen kann, möchte ich an dieser Stelle doch einmal das Rad der Entwicklung eine halbe Umdrehung zurückdrehen und unsere Mitarbeiter mit ins Boot nehmen.

Vor noch gar nicht langer Zeit haben wir in der Instandhaltung die Abhängigkeiten zwischen vorbeugender Wartung und der Reduzierung ungeplanter Ausfälle erkannt und zur Steigerung der Anlagenverfügbarkeit (OEE-Wert) genutzt. Als Resonanz auf Personalreduzierungen haben wir als Instandhalter zudem das Potenzial unserer Maschinenführer erkannt. Wir haben unsere Kollegen der Produktion bei Schwachstellenanalysen mit in die Strukturen der Instandhaltung integriert – zum Beispiel über Methoden zur Detektion von Anomalien. (Als Anomalien verstehen wir erkennbare Unregelmäßigkeiten, die heute belanglos sind, die aber auf lange Sicht, definitiv zum Ausfall führen.) Können wir heute, da wir gerade den Schritt von der verfügbarkeitsorientierten Instandhaltung zur zustandsorientierten Instandhaltung vollziehen, auf die Ressource Mitarbeiter verzichten?

Wie schon gesagt, müssen geplante oder ungeplante Maßnahmen (Reparaturen) immer noch durch unsere Instandhalter erledigt werden. Zudem finden wir noch viele Produktionsanlagen, die altersbedingt oder aus anderen Gründen nicht bedingungslos überwacht oder vernetzt werden können. Gleiches gilt für technische Assistenzsysteme, die oft nicht kostendeckend in bestehende Strukturen integriert werden können.

Das heißt im Klartext: Man muss sich den neuen technischen Herausforderungen stellen, darf aber die bestehende Ressource „Mitarbeiter“ nicht aus den Augen verlieren, sondern muss bei knapper werdenden Personaldecken (Personalabbau / Fachkräftemange etc.) deren Erfahrungspotenzial stärken.

Für eine Einbindung von Maschinenführer in die Instandhaltung gibt es zum Beispiel einige sehr effektive Methoden.

Wohl eines der bekanntesten Konzepte ist die Anomaliensuche mit der Kärtchenmethode. Deshalb würde ich an dieser Stelle gerne auf deren Erläuterung verzichten und eine andere nicht weniger wirkungsvolle Methode beschreiben, mit der Maschinenführer zur Verfügbarkeitssteigerung unserer Anlagen animiert werden können.

Die Methode der „Indikatorenumkehr“

Um die Methode zu erläutern, möchte ich mich eines einfachen Beispiels bedienen. Wir alle unterhalten Freundschaften und lieben deshalb deren Besuche. Kommt dieser Besuch unangemeldet, so kann das je nach Situation eine angenehme Überraschung sein, oder aber auch ungelegen kommen. Habe ich dagegen als Gastgeber meinen Besuch eingeladen, bin ich vorbereitet und freue mich auf meine Freunde.

Übertrage ich dieses einfache Beispiel auf die Mechanismen der Instandhaltung, dann kommt eine von der Instandhaltung geplante Vorbeugende Wartungsmaßnahme nicht immer willkommen und oft erleben wir Instandhalter, dass geplante Maßnahmen von der Produktion verschoben oder abgesagt werden.

Was aber würde passieren, wenn wir die Produktion, ja sogar den Maschinenführer selber für die Umsetzung der vorbeugenden Wartung verantwortlich machen? Zum Beispiel indem wir Maschinenführer gemäß des Abarbeitungsgrads erledigter Arbeits- und Wartungskarten mittels Prämiensystemen vergüten. (Kurze Anmerkung: Die reale, technische Umsetzung der Arbeits- und Wartungskarten erfolgt auch in diesem Konzept immer noch durch die Mitarbeiter der Instandhaltung.) Voraussetzung für den Erfolg dieser Indikatorenumkehr ist, dass den Mitarbeitern der Produktion der Zusammenhang zwischen vorbeugender Wartung und Reparaturen erläutert wird. Dass man versteht, dass eine geplante Maßnahme weniger Ausfall verursacht, als ein ungeplanter Stillstand.

Deshalb sollten in gemeinsamer Abstimmung (Produktion und Instandhaltung) feste Wartungsschichten definiert werden. Bei der Indikatorenumkehr ist die Produktion für die Abarbeitung der Arbeitskarten verantwortlich. So wie ich selber für die Inspektionen meines Autos eigenverantwortlich bin – auch wenn die Maßnahmen in einer Fachwerkstatt erledigt werden. Also wird in diesem Modell die Produktion die Instandhaltung auffordern, die notwendigen Wartungskarten in der bereitgestellten Wartungsschicht abzuarbeiten. In diesem Szenario ist die Instandhaltung dann kein ungebetener Besucher mehr, sondern ein eingeladener Gast.

Letztlich wird die Produktion ein großes Interesse daran haben, ihre Anlage für die notwendigen technischen Maßnahmen zur Verfügung zu stellen. Wenn es der Instandhaltung nun auch noch gelingt, die Maschinenführer mit zu integrieren und die Anlage nach einer geplanten Intervention wieder pünktlich in den Produktionsbetrieb zurückzugeben, wird es ein neues, fruchtbares Vertrauensverhältnis geben, welches eine dauerhafte Steigerung des OEE-Wertes zur Folge haben wird.

Diese und viele andere Konzepte sind Teil meiner Vorlesungen im Fach „Instandhaltungsstrategien“ oder werden von mir bei den praxisorientierten Instandhaltungsworkshops vorgestellt.

Blick in die Zukunft

Um zurückzukehren zur Industrie 4.0. Auch hier wird es viele neue Herausforderungen für unsere Mitarbeiter geben, die diese oftmals nicht bedingungslos akzeptieren werden. Trotzdem werden wir diese Schritte gehen und wir werden unsere Mitarbeiter mit ins Boot nehmen müssen, genauso wie wir es auch schon in den drei vorherigen industriellen Revolutionen getan haben.

Und wie nach allen industriellen Revolutionen werden sich auch bei der Industrie 4.0 auf lange Sicht nur die Unternehmen und Dienstleiter durchsetzen, die konsequent alle verfügbaren Ressourcen nutzen.

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Claudia Blum

Bei Management Circle bin ich für die Personal-, Produktions- und Soft Skills-Themen zuständig. Ich betreue außerdem den Blog zu den Iran-Veranstaltungen. In diesen Portalen informiere ich Sie stets über alle Trends und Entwicklungen. Ich freue mich auf Ihre Anregungen und einen guten Wissensaustausch.

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