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Digitalisierung: Mär oder Mehr?

Digitalisierung: Mär Oder Mehr?

Die Digitalisierung ist weder das größte Problem noch die Lösung für alle Probleme der Immobilienwirtschaft. Aber Immobilienunternehmen, die sich diesem unausweichlichen und unumkehrbaren Prozess nicht stellen, werden früher oder später vor unlösbaren Problemen stehen. Die Orientierung fällt in dieser Übergangsphase vom analogen zum digitalen Zeitalter nicht leicht, denn viele alte Spielregeln werden durch die Digitalisierung außer Kraft gesetzt. Und neue Regeln müssen sich erst noch bilden und verstanden werden. Es stellt sich also die Frage, was vom gegenwärtigen „Digitalisierungshype“ Bestand haben wird.

Prof. Dr. Carsten Lausberg ist Professor für Immobilienwirtschaft am Campus of Real Estate der Hochschule Nürtingen-Geislingen. Zudem leitet er dort das Forschungsinstitut für Immobilien-Informationstechnologie (IMMIT). Zuvor arbeitete Prof. Dr. Carsten Lausberg als Unternehmensberater, unter anderem für die Beratungsgesellschaft Oliver Wyman.

Prof. Dr. Carsten Lausberg

Prof. Dr. C. Lausberg

Technik, ein wichtiges Hilfsmittel und kein Selbstzweck

Bei Unternehmen, die im digitalen Wandel schon weit fortgeschritten sind, kann man laut der Unternehmensberatung McKinsey sechs Erfolgsbausteine ausmachen:

Technologie
Daten und Analysen
Kundenentscheidungen
Organisation
Prozessautomation
Strategie und Innovation

Offenkundig haben neue Technologien die Digitalisierung erst möglich gemacht. Wir meinen aber, dass dies für die meisten Immobilienunternehmen in Zukunft nicht der wichtigste Baustein sein wird. Immobilien erfüllen ihren Basiszweck auch ohne moderne Technik, so dass die meisten Menschen noch für Generationen in traditionellen Gebäuden wohnen und arbeiten können. Insofern ist Technik ein wichtiges Hilfsmittel und kein Selbstzweck. Das sieht man beispielsweise an der Gebäudeautomation: Technikbegeisterte Hausbesitzer mögen sich daran erfreuen, ihre Heizung aus der Ferne einschalten zu können. Doch für die gewerbliche Wohnungswirtschaft liegt der Reiz von „Smart Living“ eher in den Effizienzgewinnen und der Benutzerdatengewinnung als im höheren Kundennutzen.

Rechtfertigt die Kundenzufriedenheit die Anschaffung eines digitalen CRM-Systems?

Dies gilt auch für andere Bereiche, zum Beispiel für die Interaktion mit Kunden. Es ist schon praktisch, wenn diese ihre Anliegen rund um die Uhr loswerden können, aber ob höhere Kundenzufriedenheit allein die Anschaffung eines digitalen CRM-Systems rechtfertigt, darf bezweifelt werden. Sie rechnet sich oft erst durch die Reduzierung der Prozesskosten und die Verwertung der Daten. Hier müssen viele Unternehmen erst noch herausfinden, welche Daten für wen welchen Nutzen stiften. Manchmal ist es das eigene Unternehmen (beispielsweise um Kundenentscheidungen besser verstehen und vorhersagen zu können), manchmal sind es aber Externe, die aus den Daten den höchsten Mehrwert schöpfen können (zum Beispiel die Anbieter zusätzlicher Dienstleistungen). Und manchmal wird der Nutzen durch das datenschutzrechtlich Erlaubte und das ethisch Vertretbare begrenzt, nicht durch das technisch Mögliche.

Gebäudeentwurf

Bildnachweis: Fotolia: adam121

Werden PropTechs zur ernsten Bedrohungen für Immobilienunternehmen?

Dass Daten in den Fokus von Immobilienunternehmen rücken, dass sich also die Immobilienbranche von einer kapitalintensiven zu einer informationsintensiven Branche wandelt, ist eine bemerkenswerte Folge der Digitalisierung. Dadurch können unter anderem völlig neue Geschäftsmodelle entstehen. Nach einer Studie des Blogs Gewerbe-Quadrat.de gibt es in Deutschland schon mehr als 80 sogenannte PropTechs, also technologiefokussierte Immobilienunternehmen. Sicher werden noch einige dazu kommen, viele wieder vom Markt verschwinden und manche nie in Konkurrenz zu etablierten Playern wie Immobilienfonds, Wohnungsgesellschaften oder Projektentwicklern treten. Aber so wie ImmobilienScout24 vor vielen Jahren die Tageszeitungen mit einem völlig anderen Geschäftsmodell angegriffen hat, könnten sich auch andere scheinbar abwegige Ansätze zu ernsten Bedrohungen für Immobilienunternehmen entwickeln.

Nach unserer Überzeugung wird es Unternehmen mit traditionellen Geschäftsmodellen langfristig nicht helfen, neue Wettbewerber zu ignorieren oder sich abzuschotten; auch der radikale Umbau zu einem digitalen Unternehmen dürfte für die meisten kein gangbarer Weg sein. Was aber helfen dürfte, ist eine passende Digitalisierungsstrategie. Sie sollte antizipieren, wo der größte Unternehmenswertzuwachs zu erwarten ist, wodurch das bisherige Geschäftsmodell gefährdet ist und welche Investitionen den größten Nutzen bringen. Das ist nicht anders als bei herkömmlichen Geschäftsstrategien. Der Unterschied liegt im hohen Tempo der Digitalisierung, der auch eine schnelle Strategieentwicklung und -umsetzung verlangt. Erfolgreiche Unternehmen geben zum Beispiel ihren Mitarbeitern Freiräume, eigene Geschäftsideen zu entwickeln, oder gliedern digital arbeitende Unternehmenseinheiten aus, damit sie die für einen erfolgreichen Marktauftritt notwendige Dynamik entwickeln können. Erfolglose Experimente werden schnell wieder eingestellt, neue Ideen werden produziert auf der Suche nach dem echten „Mehr“, denn sonst wird die Geschichte von der Digitalisierung der Immobilienwirtschaft zu einer „Mär“.

immotech Rückblick

Wird die Immobilienbranche endlich digital?

Erfahren Sie, ob PropTechs dafür sorgen, dass die Immobilienwirtschaft endlich digital wird und welche Techniken für die Digitalisierung eingesetzt werden können.
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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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