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[Gastbeitrag] Alexander Haghani erläutert, warum Klarheit über die Privatisierung von Partner-Unternehmen ein Schlüsselfaktor ist.

[Gastbeitrag] Alexander Haghani Erläutert, Warum Klarheit über Die Privatisierung Von Partner-Unternehmen Ein Schlüsselfaktor Ist.

Für den Geschäftserfolg in Iran ist es von besonderer Bedeutung, die Eigentumsverhältisse der Unternehmen, mit denen man zu tun hat, genau zu kennen. Fehlinformationen können für deutsche Unternehmen schwerwiegenden Folgen haben. Warum diese Informationen von so großer Relevanz sind und welchen geschichtlichen Ursprung die Regelungen haben, erläutert der Iran-Experte Alexander Haghani in diesem Gastbeitrag.

Alexander Haghani ist als Diplompolitologe auf die Staaten des Nahen und Mittleren Ostens spezialisiert. Er ist Head of Business Development bei GERMELA, einer der führenden Unternehmensberatungsgesellschaften für die MENA Region.  Alexander Haghani unterstützt Unternehmen beim Markteintritt und beim Ausbau von geschäftlichen Strukturen in den Golfstaaten und im Iran.

Alexander Haghani

Alexander Haghani

Privatisierung im Iran – Was heißt das eigentlich?

Die internen Machtstrukturen und Eigentumsverhältnisse iranischer Unternehmen stellen ausländische Investoren im Iran immer wieder vor ein Rätsel. Viele deutsche Unternehmer berichten uns, dass es kaum ersichtlich ist, wie es um die interne Organisationsstruktur iranischer Kooperationspartner bestellt ist. Ob bei anstehenden Entscheidungen zum Beispiel der Vorstand oder der Geschäftsführer der richtige Ansprechpartner ist, sorgt bisweilen für Verwirrung. Auch ob sich ein mögliches Partnerunternehmen in Besitz eines privaten Investors oder in staatlicher Hand befindet, beziehungsweise gar dem Einflussbereich staatsnaher Organisationen (wie beispielsweise einer islamischen Stiftung oder der Revolutionsgarde) zuzurechnen ist, lässt sich für Außenstehende meist nur schwer nachvollziehen.

Kenntnis von Machtstrukturen als ErfolgsfaktorTeheran

Ein Verständnis dieser Punkte ist aber ein häufig übersehener und dennoch elementarer Erfolgsfaktor jeglicher Geschäftsunterfangen im Iran. Denn nicht selten sind privatisierte Unternehmen auf Exekutivebene doch an einzelne staatliche Akteure oder Institutionen gebunden („Unechte“ Privatisierung). Ein blindes Verlassen auf formale Organisationsstrukturen kann für Investoren also zu Überraschungen führen, ignoriert man doch die reellen Machtstrukturen in einem Unternehmen – inneffiziente Kommunikation ist die Folge.

Aufgrund des polyzentrischen Machtgefüges im Iran ist es zudem wichtig nachzuvollziehen, ob die in einem Sektor identifizierten Best Practices auch für andere Geschäftsbereiche Gültigkeit besitzen. Denn die dominanten staatsnahen Organisationen können je nach Sektor variieren. Ein Setzen auf das „falsche Pferd“, kann für Sie als Unternehmer teuer werden, sollte im Einzelfall aber durch fachgerechte Beratung vermieden werden können.

Zudem wichtig: Auch nach dem Fall der atombezogenen Sanktionen ist für deutsche Unternehmen der Handel mit iranischen Unternehmen, die ausgewählten staatsnahen Unternehmen unterstehen, teilweise nicht zulässig. Über ein ausgeklügeltes System verschiedener Holdings kontrollieren staatsnahe oder halbstaatliche Organisationen Experten zufolge jedoch inzwischen einen Großteil der iranischen Wirtschaft. Die Kenntnis der Eigentumsverhältnisse eines möglichen iranischen Partners ist daher für jeden ausländischen Investor unabdingbar, um später rechtliche Schwierigkeiten zu vermeiden.

„Unechte“ Privatisierung

Versteht man den Vorgang der Privatisierung nicht nur als den simplen Wechsel von Besitzverhältnissen, sondern als eine tiefgreifende Veränderung in Bezug auf Denkweisen, Handlungsmuster und Regierungsführung (Prof. Katherine Verdery, City University, New York), dann waren die Privatisierungswellen im Iran seit den 1980er Jahren in den meisten Fällen nicht von Erfolg gekrönt. Um nun die Hintergründe für diese „unechte“ Privatisierung“ und die damit einhergehende Intransparenz von gewerblichen Eigentumsverhältnissen im Iran nachvollziehen zu können, ist es notwendig, einen Blick auf den historischen Sonderweg seit der Islamischen Revolution 1979 zu werfen. Denn nur aus der Geschichte heraus lässt sich verstehen, warum sich im Iran häufig eine „unechte“ Privatisierung durchgesetzt hat, bei der Staatsbetriebe ähnlich wie in der ehemaligen Sowjetunion nach dem Fall des Eisernen Vorhangs vor allem an regierungsnahe informelle Netzwerke verkauft wurden.

Artikel 44 regelte die Eigentumsverhältnisse

In der Verfassung der Islamischen Republik Iran regelt Artikel 44 das Verhältnis zwischen staatlicher und privater (sowie als Mischform kooperativer) Wirtschaft. In seiner ursprünglichen Formulierung besagte der Artikel, dass „alle elementare (..) Industrien, z.B. größere Öl- und Gasförderung, Außenhandel, Minen, Banken, Versicherungen, Stromversorgung, Bewässerungsnetzwerke, Radio und Fernsehen, Post, Telegrafen und Telefonservices, Luftfahrt, Schifffahrt, Straßen, Eisenbahn und Ähnliches sich in staatlicher Hand befinden sollten.

Die sich in Artikel 44 manifestierende sozialrevolutionäre Agenda der islamischen Revolution war jedoch intern stark umstritten, da sich die islamische Revolution aus sehr unterschiedlichen politischen Lagern speiste, die vor allem durch ihre gemeinsame Ablehnung des Schahs zueinander gefunden hatten. Das angespannte Staatsbudget nach Ausbruch des ersten Golfkriegs 1980 beschleunigte die Umsetzung von Artikel 44 jedoch und es kam zu einer umfassenden Verstaatlichungswelle. Rund 80 Prozent aller iranischen Betriebe befanden sich nun in Staatshand.

Vorsichtige Liberalisierung unter Rafsandschani

Spätestens mit dem Fall des Eisernen Vorhangs und dem Niedergang der Sowjetunion setzte aber auch bei der iranischen Führung ein wirtschaftspolitisches Umdenken ein und das Mantra der Verstaatlichung wurde einer ausführlichen Revision unterzogen. Folglich legte die Regierung des konservativen, aber pragmatischen iranischen Präsidenten Abbas Hashemi Rafsandschani (1989-1997) umfassende Privatisierungsmaßnahmen auf. Doch schon damals wurden viele Staatsunternehmen an halbstaatliche Organisationen, wie zum Beispiel religiöse Stiftungen (sogenannte Bonyads) privatisiert, deren Personal durch informelle Netzwerke mit den privatisierenden Institutionen des Staates verbunden waren, anstatt wirklich am freien Markt gehandelt zu werden. Zudem waren die meisten der privatisierten Unternehmen wegen ineffizienter Geschäftsführung nicht profitabel. Die erste iranische Privatisierungswelle folgte also nur eingeschränkt den Dynamiken des freien Marktes.

Zwar wurde diese nur bedingt investitionsfreundliche Politik der wirtschaftlichen Öffnung aufgrund innenpolitischen Drucks auch in Folge der Ölpreiskrise 1993 wieder begraben, dennoch verfünfzehnfachte sich das Investitionsvolumen in Teheran zwischen 1987-1997.

Reformorientierung während der Khatami-Ära

Unter dem liberalen Präsidenten Khatami (1997-2005) kam es zu einer erneuten Phase der wirtschaftlichen Öffnung, doch die Reformen gingen nun deutlich weiter. So vereinfachte Khatami beispielsweise die Lizenzvergabe an Privatunternehmer und ließ erstmals echten Wettbewerb zu. Die Marktliberalisierung sorgte auch für eine weitere Privatisierungswelle. Zusätzlich wurden in einigen Branchen, wie beispielsweise der Bankenbranche, private Geschäftsgründungen erstmals zugelassen. Die Reformen unter Khatami stießen jedoch unter konservativ-islamischen Kreisen auf breiten Widerstand, sodass sie nur in begrenztem Maße umgesetzt werden konnten.

Ahmadinedschad: Höhepunkt der „unechten Privatisierung“

Khatami´s Nachfolger Ahmadinedschad gehörte anders als seine beiden Vorgänger nicht zu dem konservativen oder liberalen Flügel der revolutionären Elite. Bei seinem Aufstieg in das Machtzentrum des Irans stützte er sich vor allem auf Netzwerke ehrgeiziger Aufsteiger aus der Provinz, die sich unter seiner Amtszeit in Spitzenpositionen der Verwaltung hocharbeiteten und sich durch eine Scheinprivatisierung öffentlicher Unternehmen, zum Beispiel an informelle Netzwerke innerhalb staatsnaher Organisationen, ihren Aufstieg in die obersten Machtzirkel der iranischen Gesellschaft monetisieren ließen. Folglich gingen nur 13,5 Prozent der unter Ahmadinedschad privatisierten Unternehmen wirklich in die freie Wirtschaft. Bei den staatsnahen Organisationen profitierten vor allem auch sogenannte Bonyads, islamische Stiftungen, von der „unechten“ Privatisierung unter Ahmadinedschad. Die über 120 Bonyads, die mittlerweile in zahlreichen Branchen aktiv sind, erwirtschaften laut westlichen Diplomaten aktuell einen Anteil von über 20 Prozent am iranischen Bruttosozialprodukt.

Privatisierung heute

Unter dem seit 2013 regierenden Präsidenten Rouhani hat nun eine Politik der weiteren wirtschaftlichen Liberalisierung eingesetzt, die im Abschluss des Joint Comprehensive Plan of Action ihren Höhepunkt gefunden hat. Aufgrund innenpolitischer Wiederstände gegen den von Rouhani eingeschlagenen Kurs der weitgehenden Öffnung scheut es der Präsident, jedoch die offene Auseinandersetzung mit den einflussreichen informellen Netzwerken der Ära Ahmadinedschad zu suchen.

Daher bleibt ein grundsätzliches Verständnis für das Dickicht aus Scheinprivatisierungen und gegenseitigen Abhängigkeiten, welches die Iranische Wirtschaft prägt, auch unter Präsident Rouhani ein elementarer Schlüsselfaktor für Ihren Geschäftserfolg. Eine umfassende und fachgerechte Beratung ist dafür im Zweifelsfall unerlässlich.

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Claudia Blum

Bei Management Circle bin ich für die Personal-, Produktions- und Soft Skills-Themen zuständig. Ich betreue außerdem den Blog zu den Iran-Veranstaltungen. In diesen Portalen informiere ich Sie stets über alle Trends und Entwicklungen. Ich freue mich auf Ihre Anregungen und einen guten Wissensaustausch.

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