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Fehlermanagement aus der Sicht eines Piloten – wie Sie Fehler erkennen und vermeiden

Fehlermanagement Aus Der Sicht Eines Piloten – Wie Sie Fehler Erkennen Und Vermeiden

Fehlermanagement ist in jeder Branche ein wichtiges Thema. Denn jeder Mensch macht Fehler. Neben der Frage, wie die Fehler entstehen können, ist es also vor allem interessant, wie man mit Fehlern umgehen sollte. Wie können Fehler vermieden werden und was macht einen Fehler überhaupt aus?

Im Interview mit Kommunikationsprofi Peter Brandl haben wir über genau diese Themen gesprochen. Der Experte gibt Tipps und Ratschläge, wie Sie es erreichen, dass Menschen ihre Fehler lieber zugeben, als sie zu vertuschen und wie Sie mit Sanktionen vorbildlich umgehen.

Peter Brandl ist laut dem Zeit-Magazin einer der erfolgreichsten Kommunikationsprofis, Berufspilot, Unternehmer, Fluglehrer und mehrfacher Autor.

Mit über 3.000 Veranstaltungstagen in mehr als 20 Jahren, in 13 Ländern und auf drei Kontinenten gehört er zu den außergewöhnlichsten und gefragtesten Rednern im Markt.

In seinen Vorträgen werden aus Passgieren Piloten – im Beruf wie im Privaten.

Peter Brandl

Peter Brandl

Erkenntnisse aus der Fliegerei

Was können Qualitätsmanager von Piloten lernen?

Ich glaube, grundsätzlich können beide voneinander lernen. Bei uns in der Fliegerei ist es so, wenn Piloten ein Fehler unterläuft, hat dieser eventuell dramatische Auswirkungen. Und diese dramatischen Auswirkungen stehen dann morgen in der Zeitung. In der Fliegerei machen wir seit etwa 40 Jahren eine wirklich konsequente Auswertung von Fehlern. Warum passiert etwas? Was sind die Voraussetzungen? Wie konnte es dazu kommen? Der Hauptunterschied zwischen uns und anderen Branchen ist, dass wir eine sehr gute Datenbasis haben. Wir haben den Cockpit Voice Recorder und den Flugdatenschreiber. Damit wird sehr genau aufgezeichnet, was wir im Cockpit tun. Mit diesen Daten kann man sehr gut die Faktenlage nachvollziehen, und zwar ohne Interpretationen. Das hat kaum eine andere Branche. Das Ergebnis dieser Untersuchungen ist ein fundiertes Wissen darüber, warum etwas passiert und was die Rahmenbedingungen sind – und natürlich auch, was man tun kann um diese Fehler zu vermeiden.

Der Weg zur positiven Fehlerkultur

Wie gelingt es Ihrer Meinung nach, Menschen für ständiges Lernen zu begeistern und eine positive Fehlerkultur zu entwickeln?

Das Wichtigste ist, dass man das Thema emotional macht. Wir Deutschen haben die spezielle Eigenschaft, Themen sehr technisch zu machen. Nehmen Sie zum Beispiel das Thema Unfallverhütung, was ja auch eine Art von Fehlermanagement ist. Meistens kommt das nur träge und unattraktiv. Deswegen haben ganz viele Menschen keine Lust, sich damit zu beschäftigen. Auf der anderen Seite kann dieses Thema so unglaublich spannend sein. Man muss dafür aber dieses Stigma „versagt zu haben“ wegnehmen. Stattdessen muss man dahin kommen, Fehler als Entwicklungschance zu sehen und tatsächlich Spaß am Lernen aus Fehlern entwickeln.

Und da würde ich zwei Themen unterscheiden. Das Eine ist das ständige Lernen und das Andere ist eine neue Fehlerkultur. In der Fehlerkultur braucht es unternehmensweite Rahmenbedingungen. Zum Beispiel muss man anfangen, das Verschweigen eines Fehlers heftiger zu sanktionieren als den Fehler an sich. Zudem sollte man von ganz oben aufhören, so zu tun, als würde man selbst gar keine Fehler machen.

Beim Thema „ständiges Lernen“ bekommt man die Leute viel besser, wenn lernen emotional gemacht wird, wenn es Spaß macht. Schauen Sie sich Kinder an: Kinder machen einfach und zwar so lange, bis sie etwas können. Wenn wir es schaffen, diesen permanenten Erfolgsdruck und die Angst, Fehler zu machen, wegzunehmen, dann kann plötzlich auch wieder etwas Neues entstehen.

Fehlermanagement in der Praxis

Welche konkreten Tipps haben Sie, um Fehler zu vermeiden?

Das fängt mit einem ganz grundsätzlichen Punkt an: Dass wir uns überhaupt eingestehen, dass wir Fehler machen. Ich stelle in meinen Vorträgen häufig eine ganz einfache Frage an meine Zuhörer und Zuhörerinnen: Haben Sie schon einmal einen Fehler gemacht, wie zum Beispiel den Schlüssel vergessen? Fast jedem ist das schon einmal passiert. Wir wissen, es ist ein blöder Fehler und wissen, es kostet Geld, wissen das es nicht gut ist. Wir kennen die Ursache und die Lösung. Wir müssen den Schlüssel beim nächsten Mal einstecken.

Dann frage ich weiter, wie viel die Zuhörer wetten würden, dass Sie diesen Fehler nie wieder machen. Und plötzlich wird jedem klar, dass wir diese Fehler halt eben machen – auch mehrmals hintereinander. Das passiert jedem. Und hier wird es spannend: Die Frage ist nämlich: welche Rahmenbedingungen müssen zusammenkommen, damit ich am Ende diese Fehlleistung erbringe, also den Schlüssel vergesse?

Stellen Sie sich selbst mal diese Frage – kleiner Hinweis, ausreichend Schlaf und gesundes Frühstück gehören nicht dazu. Und das kann ich auf ein Team oder ein Unternehmen übertragen. Wir können uns die Frage stellen, welche Rahmenbedingungen müssen zusammenkommen, damit Mitarbeiter oder Teamkollegen Fehler machen?

Und genau das machen wir in der Fliegerei. Wir überlegen uns, was sind die Rahmenbedingungen und was können wir tun, um dafür zu sorgen, dass diese am besten gar nicht oder wenigstens nicht gleichzeitig eintreffen. Und genau das wäre auch mein grundlegender Tipp, dass man Fehler eben nicht mehr als etwas falsches, sondern als logische Konsequenz von bestimmten Rahmenbedingungen sieht – und dann dafür sorgt, dass diese Rahmenbedingungen nicht – oder zumindest nicht gleichzeitig eintreffen.

Verantwortung statt Vertuschung

Was braucht es, damit Menschen in diesem Zusammenhang mehr Verantwortung übernehmen anstatt Qualitätsmängel zu vertuschen?

Das ist in meinen Augen eine Kulturfrage. Warum vertuscht jemand einen Qualitätsmangel? Ganz einfach, weil er für sich Nachteile befürchtet, wenn er es veröffentlicht. Das ist doch ganz logisch. Wenn ich selbst einen Fehler gemacht habe und ich weiß, ich werde sanktioniert, wenn das rauskommt, versucht ein Mensch das zu vertuschen. Das ist doch klar. Wenn die Konsequenzen daraus, einen Fehler zu vertuschen, signifikant kleiner sind, als sie es wären, wenn ein Fehler zuzugeben wird, dann werden die meisten Menschen Fehler vertuschen. Kein Mensch wird gerne bestraft. Also muss sich hier was ändern. Die Sanktionen für das Vertuschen von Fehlern müssen signifikant heftiger ausfallen, als die Sanktionen für den Fehler an sich.

Das Zweite ist natürlich, wenn ich den Fehler nicht selbst gemacht habe, die Konsequenzen aber ausbaden muss, wenn ich es melde. Ich hatte da mal ein Beispiel in der Produktion an einem Band, wo Menschen regelmäßig Fehler gesehen haben, die an den Stationen vorher eingebaut wurden. Diese Menschen haben die Fehler aber nicht korrigiert, weil sie gesagt haben, es gibt nachher eine Qualitätskontrolle und da fällt der Fehler auf. Das war im Nachhinein natürlich viel aufwendiger als wenn man ihn direkt behoben hätte. Aber der Grund dafür ist ein ganz einfacher: Die hatten keine Vorgabezeit, diese Fehler zu reparieren. Das heißt, wenn die hingegangen wären und den Fehler repariert hätten, wären sie mit Ihrer eigenen Arbeit nicht mehr klargekommen. Und dafür wären sie sanktioniert worden. Also wieder ein ganz logischer Prozess. Diese Rahmenbedingungen muss ich ändern. Wenn wir das tun und dann als Führungskraft auch noch zu unseren eigenen Fehlern stehen, dann haben wir eine gute Basis, dass daraus etwas Gutes entsteht.

Konferenz Qualität 2020

Lassen Sie sich von Peter Brandl bei der Konferenz Qualität 2020 zum Thema Fehlermanagement informieren. Erfahren Sie, wie man einen Weg zur positiven Fehlerkultur einschlägt und welche Erkenntnisse aus der Fliegerei dabei helfen.
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Maximilian Guthke

Seit kurzem bin ich Teil von Management Circle im Marketing-Bereich. Ich versuche, Sie mit interessanten Beiträgen zu den verschiedensten Themen zu informieren und freue mich über den Austausch mit Ihnen!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar
  1. Hallo Herr Brandl,
    ich finde Ihre Tipps für den offenen Umgang mit Fehlern immer wieder sehr hilfreich. Und es gibt in der Tat viele Parallelen zwischen der Luftfahrt und der Wirtschaft wie Sie in Ihrem Buch „Chrashkommunikation“ beschreiben. Auch mit dem Thema „Vertuschen von Fehlern“ in dem Beitrag stimme ich Ihnen zum größten Teil zu.

    Nur die Sache mit den Qualitätsfehlern in der Produktion, die erst am Ende der Linie nachgearbeitet wurden, ergibt für mich keinen Sinn. Da haben die Leute an den Stationen in der Linie deshalb nichts gemeldet, weil sie dafür sanktioniert wurden, dass sie bei einer Nacharbeit nicht mehr ihr Pensum schafften?

    Ich denke, das Ganze hat nur am Rande mit Fehlerkultur zu tun. Wahrscheinlich hat man den Leuten beim ersten Mal gesagt, als sie die Nacharbeit durchführen wollten und ihr Pensum nicht geschafft haben, dass sie es bleiben lassen sollten. Weil es für die Führungskraft wohl einfacher war, die Nacharbeit am Ende der Linie zu organisieren. Oder weil das Unternehmen so viel Geld verdient, dass man sich die aufwendige Nacharbeit am Ende der Linie leisten konnte.

    Ich würde dem betreffenden Unternehmen raten, sich neben dem Thema „Fehlerkultur“ dringend auch einmal mit den Themen „Fehlermanagement und Arbeitsorganisation“ zu beschäftigen. Damit die Leute nicht nur lernen, wie man den Aufwand für Nacharbeiten reduziert, sondern auch, wie man systematisch und strukturiert eine Fehlerursachenanalyse durchführt.

    Wenn man Zahnschmerzen (=Fehler) hat, helfen Schmerztabletten (=Nacharbeit) nur die Symptome zu bekämpfen. Solange nicht die Ursachen für die Schmerzen beseitigt sind, kommen sie immer wieder.

    Viele kollegiale Grüße

    Peter Cartus

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