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Warum die Immobilienbranche jetzt auf Ecosystems setzen sollte

Warum Die Immobilienbranche Jetzt Auf Ecosystems Setzen Sollte

Wer in Zukunft nicht auf Ecosystems setzt, wird obsolet – behauptet zumindest das Helvetia Innovation Lab. Was hat es mit diesen Ecosystems auf sich, warum wird dieses Phänomen erst jetzt langsam bekannt und wie kann die Immobilienbranche Ecosystems einsetzen, um auch im digitalen Zeitalter erfolgreich zu bleiben? Wir haben mit Helvetia Innovation Lab Leiter Dr. Bernhard Lingens über diese und weitere Fragen gesprochen und sind jetzt noch viel gespannter auf die Zukunft der Immobilienbranche!

Dr. Bernhard Lingens leitet seit Mai 2017 das Helvetia Innovation Lab, eine Kooperation der HSG  t. Gallen (Institut für Technologiemanagement) und der Helvetia Versicherung Schweiz. Das Lab erforscht in Theorie und Praxis das neue Phänomen des Business Ecosystems und arbeitet hierzu mit einer Reihe von Firmen aus verschiedenen Branchen zusammen.

Bernhard Lingens hat einen Hintergrund in Maschinenbau und Betriebswirtschaft, promovierte an der Universität St. Gallen und am Imperial College London zu Innovation und Entrepreneurship und wirkte bei der Unternehmensberatung Roland Berger in Zürich als Strategieberater.

Dr. Bernhard Lingens

Dr. Bernhard Lingens

Ecosystem – Bedrohung oder Chance?

Was ist ein Ecosystem? Und ist das Modell eher eine Chance oder eine Bedrohung für Unternehmen?

Ecosystems NetzwerkEin Ecosystem ist ein Werkzeug, um innovative Leistungen an den Kunden zu schaffen: Wenn ein Produkt oder Service nicht durch eine Firma alleine erstellt werden kann, weil beispielsweise wichtige Fähigkeiten fehlen, kann die Firma weitere Partner involvieren und mit ihnen gemeinsam das Produkt erstellen. Wichtig dabei: Man spricht hierbei nur von einem Ecosystem und nicht zum Beispiel einer Supply Chain, wenn diese Beiträge noch nicht existieren und die Partner somit für ihre Erstellung Entwicklungsrisiken eingehen müssen. Da der Beitrag eines Partners wertlos ist, wenn die anderen Partner nicht auch ihre Beiträge liefern, muss eine Firma, der Orchestrator, alle involvierten Ecosystem Partner koordinieren. Damit ist ein Ecosystem eine Gruppe von Firmen, die gemeinsam eine innovative Leistung erbringen, die nur durch die Koordination aller involvierten Player möglich wird.

Damit öffnen Ecosystems völlig neue Chancen, jenseits der eigenen Firmengrenzen zu innovieren, da Firmen nicht mehr an die eigenen (Kern-) Kompetenzen gebunden sind. Es können Kundenwünsche besser erfüllt werden: Anstatt in den Grenzen der eigenen Produkte zu denken, können Firmen Kundenwünsche vollständig erfüllen. So können Automobilfirmen, statt nur Autos zu bauen, übergreifende Mobilitätslösungen schaffen. Versicherungen, statt nur eine Hausratsversicherung anzubieten, dem Kunden alle Wünsche rund ums Wohnen erfüllen. Das Risiko liegt auf der Hand: Wer weiterhin nur in den eigenen Produkten denkt, wird von übergreifenden Lösungen überflügelt, die durch Ecosystems angeboten werden. Anstelle des Wettbewerbes von Einzelfirmen tritt der Wettbewerb zwischen Ecosystems.

complementor vs orchestrator

Sie sprechen in Ihren Aufsätzen oft von complementor und orchestrator, können Sie diese beiden Begriffe näher erläutern?

Orchestratoren sind die Koordinatoren des Ecosystems: Sie konzipieren die gemeinsame Leistung, suchen Partner. Die sogenannten Complementoren integrieren sie und stellen sicher, dass jeder seinen Beitrag erbringt aber auch seinen Nutzen aus dem Ecosystem zieht.

Trend oder Buzzword – das ist hier die Frage

Warum werden Ecosystems erst jetzt so prominent in der Wirtschaft? Ist das Konzept tatsächlich ein Trend oder doch nur ein Buzzword?

Der Grund liegt auf der Hand: Ecosystems eröffnen völlig neue Wachstums- und Differenzierungspotentiale jenseits der altbekannten Business Development, Sales oder M&A Pfade. Das ist insbesondere wichtig für Firmen, die in hart umkämpften oder stagnierenden Branchen unterwegs sind. Weiterhin eröffnen sie über die Ecosystem-Partner Zugang zu neuen Fähigkeiten. Das ist für viele Firmen entscheidend, die angesichts mangelnder digitaler Fähigkeiten durch die Digitalisierung vor die Herausforderung gestellt werden, dass ihre Kunden digitale Lösungen wünschen, die sie selber gar nicht erstellen können. Die Digitalisierung ist dabei auch ein wichtiger Enabler: Durch die heutige ICT können die Transaktionskosten gesenkt werden, die bei der Kooperation von Firmen unweigerlich entstehen. Es darf aber auch nicht vergessen werden, dass durch die gute wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre viele Firmen zwar die finanziellen Mittel und den Willen für Innovation haben, aber nicht die Fähigkeiten dazu. Durch den Aufbau von Ecosystems können diese Fähigkeiten eingebracht werden. Nicht zuletzt kommen daher viele positive Beispiele für Ecosystems aus der Versicherungs-, Mobilitäts-, oder Konsumgüterindustrie.

Eine Kooperation mit einem Startup ist noch lange kein Ecosystem!

Dr. Bernhard Lingens | Head of Helvetia Innovation Lab | Universität St.Gallen, Institut für Technologiemanagement

Startup-Kooperation ist kein Ecosystem

Viele Unternehmen werden jetzt bestimmt sagen, dass Sie bereits mit Startups zusammenarbeiten und auch weitere Partnerschaften pflegen. Sie behaupten aber in Ihren Publikationen, dass weniger als die Hälfte der versuchten Partnerschaften erfolgreich waren (Zitat: „We estimate that less than half of the activities initiated by large corporates in recent years can be deemed a success.”). Woran liegt das und was macht eine erfolgreiche Partnerschaft aus?

Eine Kooperation mit einem Startup ist noch lange kein Ecosystem, genauso wenig eine Partnerschaft. Falls wirklich Ecosystems betrieben werden, sind viele Erfolgsfaktoren wichtig. Einige der Entscheidenden:

Erstens Geschwindigkeit: Wenn nicht innerhalb von sechs bis zwölf Monaten ein Produkt entsteht, werden die Ecosystem Partner das Commitment verlieren. Corporates sind hier oftmals zu langsam und müssen erst einmal die nötigen Grundlagen für schnelle Budgetfreigaben, Legal Prozesse und Entscheidungswege schaffen. Die Orchestration kann auch an ein Startup delegiert werden, dass typischerweise viel schneller und flexibler und damit als Orchestrator besser geeignet ist.

Zweitens ist es wichtig, klare Deliverables zu definieren und Partner auch wieder abzustoßen, wenn diese nicht eingehalten werden. Wenn ein Partner nicht liefert, kommt die gemeinsame Innovation nicht zu Stande – der Orchestrator muss daher die Partner klar steuern, um den Glauben der Partner in das Ecosystem zu erhalten.

Drittens: Vertrauen und geteilte Kultur. Das gemeinsame Erstellen einer Innovation ist schon fordernd genug. Wenn es dann auch menschlich und kulturell zwischen den Partnern nicht passt, wird es schwierig. Eco-Systems sind keine Ego-Systeme.

Und nicht zu vergessen: Top Management Commitment. Der Aufbau eines Ecosystems dauert ein bis zwei Jahre mindestens. Wenn das Top Management nicht mitgeht, werden zur Hälfte der Zeit plötzlich Gewinne gefordert, die nicht geliefert werden können. Und das verwässert oder beendet eigentlich erfolgreiche Ecosystem-Initiativen zuverlässig.

Die ersten Schritte

Was sollte man also im ersten Schritt tun, um vorbereitet zu sein und ein Ecosystem einzuführen?

Iran Netzwerk aufbauenCorporates müssen erst einmal die Grundlagen legen: Eine für das Ecosystem zuständige Abteilung, die über das nötige Budget, Kapazität, Top-Management Commitment und Zeit verfügt. Dann muss eine Ecosystem-Strategie entworfen werden, die klaren Bezug zur Unternehmensstrategie hat und den Rahmen für die Initiative schafft. Nicht zuletzt sind die Ecosystem-Manager entscheidend: Offene Personen, die mit den Kollegen der Ecosystem-Partner eine gute Beziehung aufbauen können, aber auch ein gutes Netzwerk unter potentiellen Partnern haben. Früher oder später wird auch ein Scouting-Anbieter für die Suche nach potentiellen Partnern, zum Beispiel Startups, nötig werden. Je mehr all diese Grundlagen schon zum Start der Initiative zur Verfügung stehen, desto schneller und fokussierter kann man das Ecosystem aufbauen und desto schneller wird man sein  –  wie gesagt ist Letzteres essentiell.

Die Chancen für die Immobilienbranche

Bis jetzt haben wir über Unternehmen generell gesprochen. Aber blicken wir im letzten Schritt auf die Immobilienbranche: Wo liegen hier die Chancen und ist das Modell nicht eher als Gefahr anzusehen, weil Sie sagen, dass Ecosystems Konzerne obsolet werden lassen?

Jede bahnbrechende Änderung bringt Gewinner und Verlierer. Die Immobilienbranche hat alle Grundlagen, um von Ecosystems massiv verändert zu werden: Viele Firmen haben keine digitale Kompetenz, obwohl die Kunden zunehmend an digitale Lösungen gewöhnt sind. Generell ist die Branche auch nicht außergewöhnlich innovativ. Daher gibt es massives Potential, unerfüllte Kundenwünsche über Ecosystems zu adressieren. Dies wird die Firmen der Branche am härtesten treffen, die versuchen, den digitalen Wandel aus ihren eigenen begrenzten Fähigkeiten und Ressourcen heraus zu treiben. Sie werden dabei von Ecosystems überholt werden. Ist das eine Gefahr? Ja, aber primär für Jene, die immer noch in Firmen und Produkten denken. Die Wirtschaft der Zukunft wird von Ecosystems dominiert, auch in der Immobilienbranche.

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