Digitalisierung ist mehr als BIM – und BIM ist mehr als Software

Dr_Albert_Duerr

Um wettbewerbsfähig zu bleiben, müssen Bauunternehmen ihre digitale Zukunft rechtzeitig planen. Wie Wolff & Müller dabei vorgeht, beschreibt der geschäftsführende Gesellschafter Dr. Albert Dürr.

Dr. Albert Dürr ist Geschäftsführender Gesellschafter der Wolff & Müller Gruppe. Als Enkel des Firmengründers Gottlob Müller führt er das Stuttgarter Familienunternehmen in dritter Generation. Seit November 2015 ist Dr. Dürr zudem Präsident des Deutschen Instituts für Normung (DIN).

Wir werden digital, indem wir BIM-Software einführen – noch ist diese Denkweise weit verbreitet. Die digitale Transformation in der Bau- und Immobilienwirtschaft wird oft mit Building Information Modeling (BIM) gleichgesetzt. Und BIM wird oft als reines IT-Thema verstanden. Dabei ist Software nur eine von vier Säulen, die ein Unternehmen aufbauen muss, um digitale Arbeitsmethoden wie BIM zu implementieren. Die anderen drei Säulen sind: Prozesse, Richtlinien und Menschen.

Ein Change-Prozess für das ganze Unternehmen

Prozesse müssen zunächst analog erfasst und analysiert werden, bevor sie in die digitale Welt übertragen werden. Richtlinien schaffen einheitliche Rahmenbedingungen für alle Projektbeteiligten. Zum Beispiel nutzen wir bei Wolff & Müller sogenannte Pflichtenhefte, um bei BIM-Projekten die Modellierungsstandards zu definieren. Noch fehlen solche Richtlinien auf übergeordneter nationaler Ebene. Der wichtigste Baustein aus unserer Sicht sind jedoch die Menschen. Die Digitalisierung ist ein Change-Prozess. Die Zielvorgabe muss vom obersten Management kommen, doch die Umsetzung im Berufsalltag ist Sache der Mitarbeiter – sie gilt es auf den neuen Weg mitzunehmen.

Digitale Prozesse bis 2020

Das Beispiel Wolff & Müller zeigt, wie Unternehmen diese Säulen systematisch aufbauen können – und zwar nicht nur für BIM, sondern auch für weitere digitale Werkzeuge und Methoden. Unser Ziel: Wir wollen bis zum Jahr 2020 unsere Prozesse dort, wo es sinnvoll ist, digitalisieren. Wie wir das tun, haben wir in einer fünfstufigen Digitalisierungsstrategie festgehalten. Wir haben unseren Mitarbeitern die Strategie bei einer bundesweiten Roadshow vermittelt und informieren sie regelmäßig über den aktuellen Stand der Umsetzung.

Überblick: In fünf Stufen will Wolff & Müller bis zum Jahr 2020 die Prozesse, bei denen es sinnvoll ist, digitalisieren.

BIM durchgängig nutzen

Die BIM-Methodik ist das Herzstück unserer Digitalisierungsstrategie. Das Prinzip: Bauwerke werden zunächst als durchgängiges, virtuelles Gebäudedatenmodell in mehreren Dimensionen (3D-Geometrie, Materialien, Zeit, Kosten etc.) erstellt, bevor wir sie real bauen. Wir arbeiten seit 2009 mit BIM und nutzen die Methodik seither in immer größerem Umfang –  zuerst nur in der Angebotsphase von Bauprojekten, seit 2014 auch in der Ausführungsphase. Bis 2020 wollen wir BIM auf den gesamten Lebenszyklus von Bauwerken ausweiten, von der Planung über die Bauausführung und den Betrieb bis zum späteren Rückbau. Das bedeutet beispielsweise, dass wir dem Bauherrn nach Projektabschluss einen „digitalen Zwilling“ seines Bauwerks überreichen wollen. Dieses virtuelle Abbild ist hilfreich, um etwa die Energie- und Reinigungskosten zu berechnen oder Umbauten zu planen. Und wir werden alle, die am Bauprojekt beteiligt sind, in die BIM-Methodik einbinden, von Planern bis zu Nachunternehmern und Lieferanten.

BIM Rathaus Leonberg
BIM Rathaus Leonberg

BIM-Modell des Bauprojektes Rathaus Leonberg

Über BIM hinaus

Parallel zu BIM führen wir weitere digitale Werkzeuge ein, um effizienter zu arbeiten und die Bauqualität zu verbessern. Zum Beispiel erfassen wir das Baugelände per Laserscanning oder mit Kameradrohnen. Sowohl im Tief- und Straßenbau als auch im Hochbau nutzen wir immer mehr Funktionen des mobilen Planungs- und Echtzeitsystems BPO, um die Bauarbeiten vor Ort zu steuern und zu dokumentieren. Die Verknüpfung des BIM-Modells mit der Baulogistik und der Einsatz der RFID-Technologie bringen weitere Vorteile. Zum Beispiel kann das Baumaterial just in time auf die Baustelle geliefert werden, um Lagerbestände und damit verbundene Kosten zu reduzieren.

Strassenbau

Das mobile Planungs- und Echtzeitsystem BPO hat sich im Tief- und Straßenbau schon länger bewährt und hält jetzt auch im Hochbau Einzug.

Lean Construction und modulares Bauen

Zwei Arbeits- und Denkweisen, die für uns eng mit der Digitalisierung zusammenhängen, sind Lean Construction und modulares Bauen. Lean Construction ist die Übertragung des aus der Automobilindustrie stammenden Lean-Prinzips auf das Bauwesen mit dem Ziel, effizienter zu bauen. Wir testen derzeit unterschiedliche Lean-Instrumente auf der Baustelle anhand von drei Pilotprojekten im Hochbau. Außerdem versuchen wir, möglichst viele Komponenten von Gebäuden zu standardisieren und vorzufertigen. Im Idealfall können Bauwerke so modulartig und damit viel kostengünstiger aufgebaut werden. Vor allem im Hotelbau sehen wir viel Potenzial für dieses Baukastenprinzip.

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Viele Branchen erleben den Wandel als dramatisch. Schön zu sehen, dass Wolff & Müller diese Veränderungen als Chance begreift. Danke für diese Einblicke.
    Damit wird man gut aufgestellt sein, wenn es in der weiteren Entwicklung von Lean Management im Bauwesen daran geht mit der integrierten Projektabwicklung das Bau-Know-how bereits in den ersten Planungsphasen zu nutzen. Bauunternehmen, die ihre Prozesse kennen und durch digitale Aufbereitung schnell auswerten können werden hier ein bevorzugter Partner von Planungsteams und Bauherren werden.
    Es stehen der Baubranche offensichtlich spannende Zeiten bevor.

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