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Digitalisierung – Fluch oder Segen?

Digitalisierung – Fluch Oder Segen?

Ein Weihnachtsgeschenk von 1981 hat das Leben von Tobias Schrödel verändert. Ohne seinen Computer wäre Deutschlands erster IT-Comedian wohl Philosoph geworden. Uns erzählte er, warum er heute die Digitalisierung als Fluch aber gleichzeitig auch als Segen empfindet.

Tobias Schrödel ist „Deutschlands erster IT-Comedian“ – so schrieb einmal die Zeitschrift CHIP. Und tatsächlich erklärt er technische Systemlücken und Zusammenhänge für jeden verständlich und lässt dabei auch den Spaß nicht zu kurz kommen. Der Fachinformatiker war viele Jahre Consultant bei einem großen international operierenden Dienstleister für Informations- und Kommunikationstechnologie und weiß daher, wovon er spricht.

Seit 2011 ist er bei stern TV als Experte im Studio, wenn es um IT-Sicherheit und Computer geht. Sein Buch wurde mit dem getabstract award 2011 als „Bestes Wirtschaftsbuch des Jahres“ ausgezeichnet.

Tobias Schrödel

Tobias Schrödel

Kaum etwas hat mein Leben so sehr verändert wie der Computer. Im Jahr 1981, ich war fast zehn Jahre alt, lag unter meinem Weihnachtsbaum ein Sinclair Spectrum mit 48 KB. Dieser Heimcomputer änderte mein Leben grundlegend. Hatte ich vorher noch mindestens sechs Stunden täglich mit Kumpels auf dem Bolzplatz verbracht, so saß ich fortan stundenlang im Zimmer vor dem Röhrenmonitor und bestaunte kleine bunte Klötzchen.

Seit damals hat sich aber nicht nur für mich viel verändert. Heute beeinflusst die Digitalisierung unser aller Leben. Im Radio legt kein Moderator mehr „seine“ Musik auf, sondern eine vorgegebene Playlist aus dem Rechner legt fest, was wir hören müssen. Den Anruf beim Kundendienst nimmt auch kein Fräulein mehr entgegen. Es ist ein chipgesteuertes Tonband, das uns auffordert die Fünf zu drücken, wenn wir eine Beschwerde haben – oder die Drei bei Fragen zum Produkt. Auch ist heute kaum mehr ein junger Mensch in der Lage, Landkarten zu lesen und danach zu navigieren. Dafür lenkt uns das Navi auf dem Handy selbst im Vollrausch ohne Umweg nach Hause. In einem Kölner Hotel begleitete mich letztens eine junge, hübsche Mitarbeiterin der Rezeption aufs Zimmer. Nein, nicht was Sie denken! Vor mir brachte sie nämlich noch sieben andere Gäste hoch. Der Server war ausgefallen und es konnten keine Türkarten mehr programmiert werden. Das alles sind negative Beispiele einer digitalen Welt, quasi die verschimmelten Rosinen in einem saftigen Kuchen.

Die digitale Welt bringt uns aber auch fantastische, tolle Möglichkeiten. In einer Schule bei mir um die Ecke wurden vor vier Jahren Tafel und Kreide durch elektronische Whiteboards mit Dokumentenkamera ersetzt. Seitdem gibt es Lehrer, die die Möglichkeiten eines 250-fach Zooms nutzen und schlüpfende Larven live und in Farbe zeigen – und so den Unterricht selbst für die sonst multimedial überfrachtete YouTube-Jugend interessant machen. Meine 94-jährige Oma hat seit drei Jahren einen Laptop und kommuniziert seitdem regelmäßig per E-Mail mit Bekannten in den USA. Ein Segen für sie, da die meisten Altersgenossen aus ihrem Dorf bereits die Segel gestrichen haben. Ein Minicomputer im implantierten Defibrillator hat einem Freund von mir bereits mehrfach das Leben gerettet. Eingescannte Dokumente erlauben Behörden durch Texterkennung die schnelle Suche in zigtausenden, uralten Dokumenten und sorgen bei einem Unfall im Urlaub dafür, dass selbst nachts das Krankenhaus in Kuala Lumpur eine Kostenübernahmebestätigung erhält. Drohnen liefern heute selbständig Medikamente noch am selben Tag auf abgelegene Berghütten und Roboter entschärfen Minen oder Bombenkoffer von durchgeknallten Terroristen.

Es kommt also – wie so oft – einfach nur darauf an, was man daraus macht. Ich persönlich finde Zahnbürsten, die mir per Bluetooth mitteilen, ob ich die rotierenden Borsten zu fest an den Zahnschmelz presse einfach nur unnötig. Dass mein Smartphone merkt, wenn ich zu Hause ankomme und mich dann an etwas erinnern kann, das brauche ich auch nicht wirklich, denn ein gelber Zettel hätte es auch getan. Aber: Ich find’s echt cool und praktisch. Auf E-Mail, Suchmaschinen und mobiles Internet möchte ich hingegen zu keinem Zeitpunkt mehr verzichten. Ganz egal, ob ich zu Hause bin oder in 10.000 m Höhe über dem Atlantik in einem Flugzeug sitze, das nicht runterfällt, weil ein Computer aufpasst. Auch Roboter sind ein Segen, zumindest in gefährlichen Arbeitsumgebungen.

Wir müssen aber aufpassen, dass uns die digitalisierte Welt nicht entmündigt oder ersetzt. Schließlich zahlen computerisierte Bandansagen im Call-Center und Roboter keine Steuern oder Sozialabgaben. Es wäre außerdem fatal, wenn wir ohne technische Hilfestellung wie Navis nicht mehr selbst ans Ziel finden oder gar leben könnten – und zu degenerierten Biokörpern werden. Das Rad wurde schließlich nur erfunden, weil es uns einfach zu umständlich und lästig war, Güter über längere Strecke zu tragen. Und Kopfrechnen sowie logisches Denken haben uns erst in die Lage versetzt Computer zu bauen. Es wäre doch absurd, wenn uns diese Fähigkeiten durch eben diese Geräte genommen werden, weil wir zu bequem und faul werden. Wir sollten die Chancen nutzen und nur die guten Rosinen des Kuchens herauspicken.

Ohne die kleine schwarze Kiste in einem Weihnachtsgeschenk von 1981 hätte ich vielleicht Philosophie studiert. Jetzt bin ich Informatiker, die digitale Welt ernährt mich und ich beschäftige mich mit so spannenden Themen wie künstlicher Intelligenz. Meine nächste App soll selbst denken und auch programmieren können. Wenn ich das schaffe, ist es für den Arbeitsmarkt irgendwann egal, ob man Philosoph oder Informatiker ist. Zum Glück werden Arbeitslose immer gebraucht. Hauptsache, wir haben Spaß – und genügend Saft im Akku.

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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