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Jochen Siegert über die Zukunft des Mobile Payments

Jochen Siegert über Die Zukunft Des Mobile Payments

Mobile Payment steckt in Deutschland noch in der Embryonal-Phase, zumindest wenn Sie darunter das Zahlen mit dem Smartphone im stationären Handel verstehen. Dass das jedoch nicht die einzige Definition ist und Deutschland vielleicht doch nicht so hinterher hinkt, hat uns Jochen Siegert in einem exklusiven Interview verraten.

Oma Müller, die im Supermarkt immer noch nach den Münzen in der Geldbörse kramt,  wird nicht plötzlich mobil bezahlen, nur wenn es dann Apple Pay gibt.

Jochen Siegert, Speaker, Blogger und Podcaster zu Payment-Themen

Jochen Siegert ist Speaker, Blogger und Podcaster zu allen relevanten Payment-Themen. Außerdem ist er Teil des Advisory Boards der FinTech-Startups Figo, FinLeap und Savedroid.

Jochen Siegert ist Vorstand der traxpay AG und schaut auf 17 Jahre Führungserfahrung im Finanz- und Technologiebereich zurück (unter anderem bei MasterCard, PayPal, Finleap und Bigpoint).

jochen Siegert

Jochen Siegert

Herr Siegert, können Sie uns kurz aus Ihrer Sicht die aktuelle Lage Deutschlands im Bereich Mobile Payment beschreiben?

Es kommt immer darauf an, wie man „Mobile Payment“ definiert. Versteht man darunter mit dem Mobiltelefon im stationären Handel zu bezahlen, sind wir noch in der Embryonal-Phase. Seit Jahren ist sehr viel Geld in viele gescheiterte Pilotprojekte versickert. Man denke nur an Yapital, mpass, Telekom Mywallet, aber auch PayPal QR Shopping und viele viele mehr.  Aber es gibt durchaus Lichtblicke: Payback Pay funktioniert erstaunlich gut, zumindest so meine persönliche Erfahrung bei dm, wo es sogar schneller und einfacher geht als Bargeld oder Karte. Aber auch hier gibt es noch profane „Geburtsschmerzen“: Mitarbeiter wissen nicht immer, wo der Knopf im Kassensystem ist und bei den Kunden kann es auch noch nicht in der Masse angekommen sein, wenn ich immer derjenige bin, der das Kassenpersonal „schult“. Auch ApplePay ist ein sehr vielversprechender Ansatz, wenn auch bislang in Europa nur „um uns herum“ in Großbritannien, Frankreich und Schweiz verfügbar.

Definiert man als Mobile Payment aber das Online-Bezahlen initiiert von Mobiltelefonen, dann ist Mobile Payment längst angekommen! Schon 40 Prozent des Online-Handels in Deutschland wird von mobilen Endgeräten abgewickelt und bezahlt. Zahlmethoden, die keine mobilen Screens haben oder die mobil nur schwer nutzbar sind, werden verschwinden. Denn der Handel wird es nicht zulassen, dass er Umsatz verliert, nur weil ein Zahlverfahren sich auf die neue „mobile“ Lebenswirklichkeit der Kunden nicht eingestellt hat. Das Schlimme daran: Obwohl die Fakten der mobilen Nutzung und Zahlung im Online-Handel seit Jahren bekannt sind, gibt es bei etlichen Zahlverfahren auch Ende 2016 noch immer keine durchgehende „Mobile-First“ Strategie.

Wie digital unser Einkauf wirklich ist, sehen Sie in unserer Infografik:

Und wie wird das in zehn bis zwanzig Jahren aussehen? Werden wir Deutschen dann immer noch an unserem Bargeld festhalten?

Naja der Anteil des Bargelds im Einzelhandel sinkt seit Jahren konstant um 1 bis 1,5 Prozent pro Jahr zugunsten der Kartenzahlung und macht im Einzelhandel „nur“ noch knapp 50 Prozent aus. Daher kann man extrapolieren, wie lange Bargeld noch eine Rolle spielen wird: Wenn es so weiter geht, sind wir in 10 bis 20 Jahren noch bei einem Bargeld Marktanteil von +-30 Prozent. Das heißt es wird uns noch länger erhalten bleiben. Es sei denn, wir Deutsche verändern unser Zahlverhalten signifikant, woran ich nicht glaube. Neue, innovative Zahlmethoden kannibalisieren eher die Kartenzahlmethoden im Handel oder sind nur ein anderer Formfaktor einer Kartenzahlung. Oma Müller, die im Supermarkt immer noch nach den Münzen in der Geldbörse kramt,  wird nicht plötzlich mobil bezahlen, nur wenn es dann Apple Pay gibt.

Handelsmarken

Das Smartphone wird vermehrt beim Einkauf genutzt

Werfen wir einen Blick über den Tellerrand: Welche Länder sind im Bereich Mobile Payment Vorreiter und warum?

Asien ist hier seit Jahren deutlich weiter. Während die deutschen Banken dieses Jahr erste Pilotprojekte rund um kontaktloses Bezahlen mit der Girocard gestartet haben, ist dies seit Jahren, gar Jahrzehnten in Asien nicht mehr wegzudenken. Daher ist dort die Migration der Kartenzahlung vom „Plastik“ ins Mobiltelefon längst passiert. Auch im P2P-Bereich, also Zahlungen zwischen Privatpersonen, ist beispielsweise China unserer „westlichen“ Welt um Jahre voraus. Bei uns ist es noch eine Pressemitteilung, wenn die Banken P2P-Zahlungen einführen oder Facebook in den Messenger eine Zahlfunktionalität integriert. In China werden bereits Milliarden-Beträge über den Messenger Wechat abgewickelt.

Eine weitere, beliebte Mobile Payment Lösung aus Asien:

Hype versus Bedarf: Müssen alle Händler – so klein Ihr Geschäft auch ist – Smart Payment Lösungen anbieten?

Niemand „muss“ etwas anbieten – ich zahle auch immer noch bar bei meinem Bäcker, mit den Scheinen, die ich Minuten vorher aus dem Geldautomaten der Bank nebenan entnommen habe, nur damit der Bäcker am Ende des Tages das Geld vermutlich bei der gleichen Bank entsorgt. Das alleine ist schon ein Anachronismus, denn im Ausland kann man meist auch bei kleinen Händlern viel schneller kontaktlos per Karte bezahlen.

Dabei „rechnet“ sich das alles gar nicht mehr für den kleinen Händler, wenn man die Bargeldkosten berücksichtigt und vor allem die Zeit für die Barzahlung, vor allem wenn Oma Müller vor einem in der Schlange steht. Wer kennt nicht die Schlangen am Samstag- oder Sonntagmorgen – diese könnten deutlich kürzer sein!

Wenn der Handel verstanden hat, dass er mit innovativen Payment-Lösungen mehr Umsatz generiert oder weniger Kosten hat, wird sich das Problem lösen. Starbucks ist beispielsweise in den USA der größte „Mobile Payment“-Anbieter. Warum? Weil die Kunden nicht mehr Schlange stehen müssen, vorab per App bestellen und  bezahlt haben und dann im Laden an der „Kassenschlange“ vorbei direkt zum Barista gehen und den Kaffee abholen – das ganze sogar mit GPS-Information  aus der App, wenn sich der Kunde dem Laden nähert. Damit erst dann der Kaffee frisch aufgebrüht ist, wenn der Kunde in den Laden kommt. Diese „Bequemlichkeit“ sorgte für einen signifikanten Umsatzsprung bei Starbucks.

Starbucks

Wird Starbucks auch in Deutschland bald zur Nr. 1. im Mobile Payment?

Gibt es sonst interessante Trends, die Sie derzeit spannend finden?

Absolut: Zwei große und verbundene Trends: Payment wird verschwinden und Voice Commerce wird kommen! Amazon verschickt bereits Lebensmittel in Berlin innerhalb von einer Stunde bis an die Haustüre mit Prime Now und Amazon hat mit Alexa eine digitale Assistentin, über die man ganz einfach sprachgesteuert einkaufen kann – fast wie vor Ort beim Bäcker, nur dass man nicht unfreundlich behandelt wird, wenn man statt „Schrippen“ „Brötchen“ sagt. „Alexa bestelle mir eine Packung Toast und Brötchen fürs Frühstück“ und eine Stunde später werden diese an die Haustüre geliefert – das war‘s! Haben Sie in diesem Kontext was von Payment gemerkt? Nein, denn Amazon belastet im Hintergrund die normale Kreditkarte beziehungsweise das Bankkonto per Lastschrift. Payment verschwindet mehr und mehr und wird enger in die Einkaufsprozesse integriert, statt ein eigenständiger getrennter Prozess am Ende eines Kaufs zu sein. Das ist alles schon da und funktioniert auch bei uns und in Berlin im Pilot! Wenn wir dies in ein paar Jahren als „normal“ ansehen und mit unseren Siris, Alexas, Googles, Cortanas sprechen und einkaufen, wird sich die Art und Weise des Bezahlens wieder massiv geändert haben. Payment bleibt also spannend!

Die Zukunft des Bezahlens

Die Zukunft des Bezahlens

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Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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