Deutschland und der Klimaschutz: Vom Musterschüler zum Nachzügler

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War Deutschland doch einst einer der Vorreiter in Sachen Energiewende, so ergeben sich heute immer mehr Probleme, die es in Sachen erneuerbare Energien und Klimaziele zu bezwingen gibt. Erfahren Sie in diesem Gastbeitrag von Prof. Dr. Claudia Kemfert, ob Deutschland noch die Klima-Kurve kriegt und welche Taten jetzt folgen müssen.

Prof. Dr. Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW Berlin und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit an der Hertie School of Governance. Sie ist Wirtschaftsexpertin auf den Gebieten Energieforschung und Klimaschutz und eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin und gefragte Expertin für Politik und Medien. 2016 wurde sie in den Sachverständigenrat für Umweltfragen SRU berufen und erhielt den Deutschen Solarpreis sowie den Adam-Smith-Preis für Marktwirtschaftliche Umweltpolitik.

Die Welt ist im Umbruch

In vielen Staaten ist mehr oder weniger das Ende des fossilen Zeitalters spürbar. Der Kampf ums Öl ist wieder in vollem Gange. Das Klimaabkommen von Paris hat den Beginn des Endes des fossilen Zeitalterns eingeleitet. In unterschiedlichster Weise werden wirtschaftliche Lösungen für den Einstieg in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien gesucht. Manche sind in dem Prozess schon weiter, manchen steht die Zeitenwende erst noch bevor.

EnergiewendeIn der deutschen Energiewende sind allerdings nicht alle Weichen auf schnelle Fahrt zum wahrscheinlich inzwischen utopischen, aber immer noch wichtigen Zwei-Grad-Ziel gestellt. So wird das Klima-Musterländle die selbst gesteckten Klimaziele einer 40-Prozent-Minderung bis 2020 nicht erreichen. Von strukturiertem Kohleausstieg kann nicht die Rede sein. Wegen lautstarker Lobby-Proteste wagt man nicht mal simple, aber wirkungsvolle Maßnahmen wie eine Kohlesteuer. Das sonst so innovative Autoland Deutschland hat in der Paradedisziplin nachhaltige Mobilität erstaunlich wenig Erfolge vorzuweisen. Im Gegenteil: Der VW-Abgasskandal schadet dem Ansehen deutscher Umweltpolitik weltweit. So ist die Bundesregierung mehr denn je gefordert, gegen alle widerläufigen Wirtschaftsinteressen Klimaschutzmaßnahmen durchzusetzen.

Das Ausland macht in Sachen erneuerbare Energien vor, wie es geht

Dank der vergangenen Investitionen aus Deutschland, der steigenden Nachfrage und der damit verbundenen Skaleneffekte sind die Kosten erneuerbarer Energien weltweit massiv gesunken. Global fließen mehr Investitionen in erneuerbare als in fossile Energien – und dies trotz noch immer hoher Subventionen in fossile Energien! Allerdings mittlerweile nicht mehr in Deutschland! China holt massiv auf, investiert mehr in erneuerbare Energien und will auch im Bereich Elektromobilität Weltmarktführer werden. Höchste Zeit, dass Deutschland nicht den Anschluss verpasst!

Deutschland darf seine Glaubwürdigkeit beim Klimaschutz und nachhaltiger Verkehrswende nicht verspielen!

Die Erfüllung der Klimaschutz-Ziele und die Umsetzung der Energiewende dulden keinen Aufschub: Der Kohleausstieg muss heute eingeleitet werden.

Prof. Dr. Claudia Kemfert  | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW BerlinPosition

Die neue Bundesregierung muss die Energiewende und den Klimaschutz als zentrales Element auf der politischen Agenda platzieren. Die jüngsten Berichte der Klimawissenschaftler haben einmal mehr eindrücklich gezeigt, dass der Klimaschutz schnell erfolgen muss, dass wir keine Zeit mehr haben. Wenn die Menschheit die globalen Treibhauseffekte stoppen will, muss sie Emissionen senken, und das so schnell wie möglich. Denn global steigen die Emissionen wieder, sie sinken nicht.

Es ist Zeit zum Umsteuern

  • Über 80 Prozent der Kohle-Ressourcen und über 60 Prozent der Öl- und Gas-Ressourcen müssen im Boden verbleiben wenn die Emissionen bis zur Mitte des Jahrhunderts um 80 bis 95 % sinken sollen.
  • Das bedeutet, dass nahezu alle Investitionen, die jetzt und in naher Zukunft getätigt werden, nicht in fossile oder atomare, sondern in erneuerbare Energien und Öko-Energien fließen sollten.
  • Neben den erneuerbaren Energien brauchen wir mehr Anstrengungen für das Energiesparen und mehr klimaschonende Antriebstechnologien im Verkehrssektor.

Deutschland ist vom Vorreiter zum Nachzügler in Punkto Klimaschutz geworden

Die Bilanz der Klimaschutzpolitik der vergangenen beiden Legislaturperioden ist mau. Der Anteil des umweltschädlichsten Energieträgers in Deutschland, Braunkohle, ist so hoch wie nie. Die erneuerbaren Energien werden ausgebremst. Es gibt keine nachhaltige Verkehrspolitik, die auf Verkehrsvermeidung, Verlagerung und Elektrifizierung sowie Umwelt-, Klima- und Gesundheitsschutz setzt – auch nicht nach dem Dieselskandal. Die selbst gesteckten Klimaschutzziele werden verfehlt. Kluge Energiewende geht anders.

Dabei dulden die Erfüllung der Klimaschutz-Ziele und die Umsetzung der Energiewende keinen Aufschub: Der Kohleausstieg muss heute eingeleitet werden. So würde der Markt bereinigt und ausreichend Platz für erneuerbare Energien und in der Übergangszeit für Gaskraftwerke und mittelfristig mehr Speicher geschaffen werden. Die Klimaziele von Paris geben das maximale Emissionsbudget auch im Stromsektor vor, das nicht überschritten werden sollte. Ähnlich wie beim Atomausstieg könnte so ausreichend Flexibilität geschaffen werden, um die Kraftwerksbetreiber im Rahmen des Strukturwandels und Umbaus zu unterstützen. Die ältesten und ineffizienten Kohlekraftwerke, solche die vor 1990 gebaut wurden, sollten möglichst rasch vom Netz. Dies würde den Umbau erleichtern. Es bedarf dezentraler Netze samt intelligenter Steuerung, um die Energiewende so kosteneffizient wie möglich zu machen. Dies gelingt natürlich nur, wenn der Strukturwandel klug begleitet wird. Anstelle von „Kohleabwrackprämien“ für das Stilllegen von Kraftwerken zu bezahlen, die ohnehin vom Netz gegangen wären, sollten besser Finanzhilfen für betroffene Regionen und Beschäftigte bereitgestellt werden.

Beispiel Verkehr:

Die Emissionen müssen in den kommenden fünfzehn Jahren halbiert werden. Die Erfüllung der Treibhausgasminderungen im Verkehrssektor hat unbequeme Wahrheiten zur Folge, die kein politischer Entscheidungsträger gern offen ausspricht. Es kann nicht weitergehen wie bisher! Es wird weniger und optimierten Verkehr geben müssen. 45 Millionen Fahrzeuge, die durchschnittlich knapp 23 Stunden am Tag herumstehen, wird es nicht mehr geben können. „Autogerechte Städte“ werden zu „Menschen gerechten Städten“. Die Digitalisierung wird die Mobilitätsdienstleistungen völlig verändern, hin zu Car Sharing und autonomem Fahren.

Ist Wasserstoff vielleicht die Lösung?

Da die erneuerbaren Energien im Zentrum des künftigen Energiesystems stehen werden, ist eine direkte Elektrifizierung des Verkehrs technologisch und wirtschaftlich effizient und mit einem realisierbaren Zubau der Anlagen vereinbar. Die Einbindung von Batterien kann systemdienlich zur Stromspeicherung und Entlastung der dezentralen Netze beitragen. Der Güterverkehr kann ebenso mit elektrischen LKWs oder aber direkt auf der Schiene stattfinden. Für lange Distanzen bieten sich flüssige Treibstoffe an, die aus erneuerbaren Energien gewonnen werden, wie beispielsweise Power to Gas. Der großflächige Einsatz von Power to Gas oder Wasserstoff für alle Verkehrsbereiche würde einen bis zu siebenfachen Mehr-Ausbau erneuerbarer Energien nach sich ziehen. Und es bedarf einer adäquaten Infrastruktur, die heute errichtet werden muss. „Technologieoffenheit“ kann zu erheblichen Fehlentwicklungen führen, welche „Sunk Investments“ (verlorene Erstinvestitionen) nach sich ziehen.

Mehrere unterschiedliche Infrastrukturen aufzubauen, ist teuer und ineffizient.

Prof. Dr. Claudia Kemfert  | Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung DIW BerlinPosition

Bei den Ausschreibungen erneuerbarer Energien würde Technologieoffenheit vor allem preiswerte Anlagen, somit Onshore-Windanlagen favorisieren. Zum Gelingen der Energiewende sind aber ebenso lastnahe Stromerzeugungsanlagen wichtig, die Energie bedarfsgerecht und versorgungssicher herstellen. Dazu können Solaranlagen oder Biomasse Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen genauso gehören wie mittelfristig jedwede Speicherlösungen. Diese würden bei technologieoffenen Ausschreibungen kaum eine Chance bekommen. Erneuerbare Energien sind Teamplayer, man darf sie nicht gegeneinander ausspielen.

Mehr Wettbewerb für Netzbetreiber

Wenn man schon unbedingt markt- statt planwirtschaftliche Lösungen einbringen will, sollte man bei den Netzentgelten anfangen. Die staatlich garantierten Traumrenditen für Netzbetreiber führen zu hohen Netzentgelten und Kosten für Verbraucher.

Man könnte systemdienliche Ausschreibungen auch für Netze einführen.

Müssten sich auch die Netzbetreiber einem Wettbewerb um günstigste Lösungen stellen, würden die Kosten sicherlich sinken können, und wir könnten einen optimierten und auf Systemdienlichkeit ausgerichteten Netzbedarf steuern und umsetzen.

Die Energiesteuern müssen reformiert werden.

Strom ist zu stark, fossile Energien dagehen, allen voran Diesel, viel zu niedrig besteuert. Eine konsequent auf Klimaschutz ausgerichtete Steuerreform sollte vor allem die Nutzung von Heizöl, Diesel und Benzin deutlich stärker besteuern. Die Steuereinnahmen sollten für die energetische Gebäudesanierung und den Umbau des Verkehrssystems genutzt werden, sodass die umweltbewussten Heizungs- und Autokäufer finanziell bevorteilt werden.

Erneuerbare Energie / Solar / WindkraftKlimaschutz schafft Arbeitsplätze, Deutschland ist Weltmarktführer als Anbieter von Klimaschutztechnologien, über zwei Millionen Menschen arbeiten in diesem Sektor. Durch Investitionen in klimaschonende Zukunftsmärkte werden Investitionen und Wertschöpfung geschaffen, Arbeitsplätze generiert. Ökonomie und Ökologie sind zwei Seiten einer Medaille.

Es sind überall große Schritte in Richtung Klimaschutz erforderlich. Die Industriestaaten müssen die Investitionen in Klimaschutz forcieren und kanalisieren. Erneuerbare Energien bringen Wertschöpfung und Wohlstand und vermeiden Ressourcen- und Klima-Kriege. Erneuerbare Energien schaffen somit ebenso Partizipation und können die Demokratie stärken. Klimaschutz ist das beste Friedensprojekt, das wir derzeit haben – für alle Länder in der Welt.

Wie sieht die Zukunft der Energiewirtschaft aus?

Lassen Sie uns bei der Konferenz Zukunft der Energiewirtschaft gemeinsam darüber diskutieren. Hören Sie am 26. und 27. März in Berlin spannende Vorträge dazu von E.ON, dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung e.V., Allgäuer Überlandwerk GmbH, Fresh Energy GmbH und vielen weiteren Vorreitern.
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