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Fehlende Datenkompetenz in der Energiewirtschaft? Ein Interview mit Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig

Fehlende Datenkompetenz In Der Energiewirtschaft? Ein Interview Mit Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig

Datenkompetenz ist vielleicht *der* definierende Skill für die Energiewirtschaft der Zukunft, sagt Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig. Unternehmen, die es nicht schaffen, in Daten zu „denken“, werden in Zukunft abgehängt und auf der Strecke bleiben.

Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig ist seit 2013 Vorstandsvorsitzende der Entega AG in Darmstadt. Nach ihrem Studium der Anglistik und der Musikwissenschaft in Deutschland, England und den USA ihre Industrie-Laufbahn 1987 bei der Bayer AG im Bereich der Unternehmenskommunikation. Im Jahr 1988 wechselte sie zu SONY Deutschland, wo sie ab 1991 das Marketing-Ressort leitete. Anschließend trat Wolff ab 1996 als Leiterin Unternehmenskommunikation in die VEBA AG ein – ein Vorgängerunternehmen der E.ON AG. Zwischen 2002 und 2006 verantwortete sie die Unternehmensstrategie der E.ON Sales & Trading. Im Jahr 2006 wurde sie Geschäftsführerin der neu gegründeten E.ON-Vertriebsgesellschaft E WIE EINFACH. Zwischen 2009 und 2013 war Wolff Vorstand der Mainova AG. Sie verantwortete dort die Bereiche Energiebezug und -handel, Marketing, Vertrieb und Kundenservice.

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Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig

Frau Wolff-Hertwig, wie jede Branche ist auch die Energiewirtschaft derzeit Veränderungen durch die Digitalisierung unterworfen. Was kommt in den nächsten Jahren auf die Branche zu? Und haben wir die größten Disruptionen schon gesehen oder stehen die uns noch bevor?

Derzeit weiß niemand in der Branche, mit welchen Wettbewerbern wir es in ein paar Jahren zu tun haben. Wir wissen auch nicht, wo neue Wettbewerber uns Konkurrenz machen werden. Aber: Diese Debatte über „neue Wettbewerber 2.0“ hat nicht nur in den Medien, sondern zum Teil auch innerhalb unserer Branche zumindest skurrile, manchmal sogar hysterische Züge angenommen. Die einen sagen den baldigen Untergang unserer Branche voraus, während andere Blütenträume von Geschäftsmodellen herbeireden, die die Energiewirtschaft zur Zukunftsbranche Nummer 1 machen sollen. Beides sind Extrempositionen. Grundsätzlich gilt, die Komplexität der Branche wird oft unterschätzt, die Margen in unserem Geschäft werden überschätzt.

Ich denke, wir werden kämpfen müssen, um einen Platz in der digitalen Wirtschaftswelt zu besetzen und wir werden deshalb neue Standbeine neben unserem angestammten Geschäft aufbauen müssen, aber wir brauchen auch nicht in Angst vor Google und Co. zu erstarren. Eines ist aber auch klar: Betrachtet man die Entwicklung von Unternehmen wie Amazon in den vergangenen 10 Jahren, dann muss man feststellen, dass diese Internetunternehmen unglaublich dynamisch sind. Die Energiebranche wird sich hier anpassen müssen. In der digitalisierten neuen Energiewelt sind nicht nur neue Geschäftsmodelle, sondern auch neue Denkweisen, Prozesse, und eine veränderte Unternehmenskultur erforderlich.

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Sie haben schon in der Vergangenheit bemerkt, dass es der Branche an Datenkompetenz mangelt. Wieso ist das Ihrer Meinung nach ein Problem für die Energiewirtschaft?

Datenkompetenz wird für Energieunternehmen unverzichtbar. Denn das „Internet of Things“ wird immer weiter an Bedeutung zunehmen. Das zeigt zum Beispiel ein Blick nach Südkorea. Dort gibt es bald landesweit 1 Gigabit-Leitungen. Die ersten Haushalte verfügen bereits über Anschlüsse mit 50 Gigabit. Haushaltsgeräte loggen sich selbständig ins WLAN ein und lassen sich unmittelbar per App überwachen und steuern. Das heißt, dass schon bald nahezu alles miteinander vernetzt sein wird, da beinahe jedes Produkt eine Internetverbindung erhält. Über Sensoren und Sender entstehen so zunehmend intelligente und sich selbständig vernetzende Produkte, die von einer einfachen Zahnbürste bis hin zu komplexen Maschinen, wie beispielsweise einem Windrad, reichen. Durch die erzeugten Datenströme ergeben sich völlig neue Möglichkeiten der Wertschöpfung und der Kommunikationsanlässe mit Kunden.

Diese Debatte über „neue Wettbewerber 2.0“ hat nicht nur in den Medien, sondern zum Teil auch innerhalb unserer Branche zumindest skurrile, manchmal sogar hysterische Züge angenommen.

Wir müssen solche Datenströme erforschen und lernen, „in Daten zu denken“, also eine Datenkompetenz haben, die uns in die Lage versetzt, jede Veränderung im Markt sofort daraufhin zu überprüfen, ob sich daraus eine Dienstleistung aufbauen lässt, die für Kunden Relevanz hat, und mit der wir natürlich auch Geld verdienen können. Wir müssen dafür Partnerschaften eingehen und Wege finden, wie wir Daten in Produkte verwandeln können. Wenn wir das nicht selbst schaffen, werden es andere für uns tun. Damit riskieren wir den Verlust unserer Kundenbeziehung.

Fehlt es deutschen Energieversorgern an Mut bzw. Innovationsfähigkeit im Hinblick auf die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle?

Ich kann nur für mein Unternehmen sprechen. ENTEGA war schon immer sehr innovativ. Wir haben bereits 2007 – also vier Jahre vor dem Reaktorunfall in Fukushima – den Atomausstieg beschlossen und den Kunden atomstromfreie Tarife angeboten. Wir haben als eines der ersten Unternehmen in Deutschland beschlossen, in den Ausbau der erneuerbaren Energien zu investieren. Wir haben auch Pilotprojekte wie die erste geothermische Tiefenbohrung in Hessen realisiert. Mit Erdwärme wird jetzt ein mittelständischer Industriebetrieb mit Energie versorgt. Zu unserer Unternehmens-DNA gehört es, innovativ zu sein. Und das nutzt uns auch jetzt, bei der Digitalisierung der Energiewirtschaft. Allerdings bringt die Digitalisierung ganz neue Anforderungen mit sich, beispielsweise an Risikobereitschaft, an Schnelligkeit, an Agilität. Das hat in vieler Hinsicht eine andere Qualität als alles, was wir bisher in unseren Geschäften getan und gebraucht haben.

Bild: Datenbaum wächst über Datenträgern, symbolisiert künstliche Intelligenz.

Wie können sich Energieversorgungsunternehmen für den Energiemarkt der Zukunft aufstellen? Können Sie uns zum Beispiel kurz anreißen, wie Sie bei ENTEGA in die Erfolgsspur zurückfanden?

Die Energiebranche wird sich in Zukunft häufiger verändern, als wir das bislang gewohnt waren. Das liegt an der neuen deutschen Erzeugungslandschaft, die immer stärker auf erneuerbarer, also hochschwankender Stromerzeugung basieren wird, an dem zunehmenden Eigenanteil von Erzeugung, die in den Markt will, an Themen wie Elektromobilität oder der zu erwartenden Sektorenkopplung zwischen Stom – und Wärmemarkt. Wir müssen mit deutlich schnelleren Entwicklungszyklen für unsere Produkte und Dienstleistungen rechnen. Und mit deutlich steigenden Anforderungen unserer Kunden in allen Servicebereichen, nehmen Sie nur das Beispiel Zahlungsformen.

ENTEGA ist deshalb erfolgreich, weil wir ein Personal- und Kostenprogramm sozial verträglich umgesetzt und mit Umstrukturierungen auf die Herausforderungen der Digitalisierung reagiert haben. Wir haben eine sogenannte „Fahrradspur“ für die schnellere Entwicklung neuer Produkte eingerichtet, wir schulen das ganze Unternehmen auf agile Projektmethoden um, wir haben einen 27 Jahre alten Digital Native zum Leiter unserer IT-Abteilung berufen und die Entwickler-Teams interdisziplinär aufgestellt, deren Ideen und Anliegen mit Vorrang bearbeitet werden. Zudem kooperieren wir intensiv mit Start-Ups.

Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig auf der Energy Leaders Konferenz

Verpassen Sie nicht den Talk von Dr. Marie-Luise Wolff-Hertwig auf der Energy Leaders am 21. und 22. Februar in Berlin. Sie wird dort über Datenkompetenz und aktives Unternehmertum sprechen. Informieren Sie sich noch heute, welche weiteren Köpfe der wichtigsten Branchenakteure Sie auf dem Forum treffen. 

Bild: AGPhotography | de.fotolia.com

Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

Dieser Beitrag hat 2 Kommentare
  1. Guten Tag,

    man kann Frau Dr. Wolff-Hertwig in vielen Fragen nur zustimmen. Nach meinen Erfahrungen aus der praktischen Arbeit sind es mehrere Faktoren, die es Stadtwerken/Energieversorgern schwer machen, sich schnell auf die neuen Rahmenbedingungen einzustellen:
    – jahrzehntelanger Fokus auf wenige Geschäftsmodelle; stark durch Prozesskostenoptimierung getrieben; wenig flexibel,
    – wenig echtes Produkt- oder Innovationsmanagement, wie es z.B. die Markenartikelindustrie, praktiziert,
    – sicherheitsorientierte Denkweise,
    – IT ist oft an Dienstleister outgesourct – war nicht Kern der Wertschöpfung,
    – angestammten Versorgungsgebiete der Stadtwerke sind oft zu klein, um alleine die Skaleneffekte für neue Produkte zu gewährleisten,
    – es ist manchmal schwierig, die Gesellschafter von der Notwendigkeit von Investitionen in neue Produkte und Geschäftsfelder zu überzeugen.

    Beste Grüße aus Düsseldorf

    Walter Schmitz, Unternehmensberater

    1. Hallo Herr Schmitz, das stimmt auf jeden Fall. Ich glaube aber, in manchen Ihrer genannten Punkte bewegen sich mittlerweile auch viele Unternehmen. Gerade in Sachen Marketing und Produktinnovation wird doch viel gemacht. Man darf auch nicht vergessen, dass die Energiewirtschaft ein stark regulierter Bereich ist, da müssen neue Ideen auch erstmal ankommen dürfen.

      Was ich noch ergänzen würde ist der Kulturwandel, mit dem die Digitalisierung in der Regel verbunden ist. Der bringt Schmerzen mit sich, da er offenlegt, dass heute althergebrachte hierarchische Strukturen nicht mehr funktionieren. Zumindest nicht mehr schnell genug. Damit haben viele konservativere Organisationen ganz schön zu kämpfen.

      Beste Grüße
      Christoph Erle

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