Warum Banken im Zeitalter der Digitalisierung jetzt auf Fairness setzen müssen – Teil 1

Brink

Die Finanzindustrie und vor allem Banken stehen vor einer der größten Herausforderungen: dem Zeitalter der Digitalisierung. Herr Prof. Brink setzt in dieser Zeit auf Fairness und die Ethik von Unternehmen. Wie können diese Themen bei der Entwicklung neuer Kernkompetenzen und der Beziehung zum Kunden helfen?

Prof. Dr. Dr. Alexander Brink ist Professor für Wirtschafts- und Unternehmensethik an der Universität Bayreuth und Gründungspartner bei der Unternehmensberatung concern. Er ist zudem wissenschaftlicher Direktor des Zentrums für Wirtschaftsethik in Berlin. Als Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher und Zeitschriften führte er diverse Praxisprojekte mit namhaften Unternehmen durch. Bei concern verantwortet er die Weiterentwicklung und wissenschaftliche Fundierung innovativer CR-Konzepte. Alexander Brink ist mit Mit-Begründer der Initiative „Faire Beratung“ für Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken: faireberatung.com.

Concern ist eine Beratungsgesellschaft mit Sitz in Köln. Als Spin-off des renommierten „Philosophy & Economics“-Programms der Universität Bayreuth wurde concern 2010 als eine der ersten Beratungsgesellschaften in den Bereichen Corporate Governance, Responsibility und Sustainability in Deutschland gegründet.

Unternehmen in Sache Fairness

Herr Prof. Brink, Sie erforschen an der Universität in Bayreuth seit vielen Jahren das Thema Ethik in Organisationen. Darüber hinaus beraten Sie Unternehmen in Sachen Fairness. Welche aktuellen Entwicklungen gibt es bei diesen Themen?

AristotelesDie Lage ist ernüchternd. Ethik ist eine der ältesten Wissenschaften. Der griechische Philosoph Aristoteles war der festen Überzeugung, dass Menschen sich über ihr Handeln und ihre Wirkung Gedanken machen sollten. Die Ausbildung der Tugendhaftigkeit war seiner Auffassung nach das oberste Ziel der Erziehung des Menschen. Wenn uns die Philosophie eines lehrt, dann über das Wesen des Menschen nachzudenken und sich mit den grundsätzlichen Fragen des Lebens auseinanderzusetzen. Denn der Bürger ist als zoon politicon in soziale und politische Zusammenhänge eingebunden. Ökonomie ist nach antikem Verständnis die Lehre von der richtigen Hausverwaltung. Heute maximieren die Unternehmen ihre Gewinne oftmals zulasten Dritter und lassen sich dafür feiern – Aristoteles hat diese Form von Wucher Chrematistik genannt, die Kunst Reichtum zu erlangen. Diese ist im Gegensatz zur Kunst der Hausverwaltung widernatürlich.

Das ist rund 2.000 Jahre her – die Welt hat sich weiterentwickelt. Wie passt dieser Abschnitt in unsere heutige Zeit?

Banking in Frankfurt 2Von der Antike bis zur schottischen Aufklärung des 18. Jahrhunderts war die Ethik ganz eng mit der Ökonomie verbunden. Insofern sind es eigentlich nur 200 Jahre. Bis weit in das Mittelalter hinein war die Denkfigur des ehrbaren Kaufmanns handlungsleitend. All das scheint heute vergessen. Zwar steigt die Zahl der Nachhaltigkeitsberichte kontinuierlich an, der Gesetzgeber erhöht die Anforderungen an die nichtfinanzielle Berichterstattung (u. a. durch neue CSR Berichtspflicht), ethikaffines Vokabular findet sich zunehmend auf landing pages von Unternehmen und prosaische Lippenbekenntnisse nehmen ebenso zu wie kulturelle Rituale. An den Universitäten steigen die interdisziplinären Forschungsarbeiten, neue Studiengänge werden entwickelt, eigene Zeitschriften gegründet. Leider verpuffen zu viele dieser Bemühungen in der konkreten Unternehmenspraxis. Es fehlt einfach an professioneller Umsetzungskompetenz. Die Unternehmen suchen händeringend nach pragmatischen klugen Lösungen, wie sie sich im Alltag normative orientieren sollen. Hier haben wir bislang versagt. Die zentrale Aufgabe der Zukunft wird lauten: Wie gelingt integres und faires Verhalten in der Praxis moderner Unternehmen?

Ethik vs. Digitalisierung

Was war der Auslöser für diese Fehlentwicklung?

ImmobilienDie Ökonomie hat die Ethik verdrängt. Der Vormarsch der naturwissenschaftlich-technisch orientierten Wissenschaften, die Mathematisierung der Ökonomie und die Stärkung einer bestimmten Form der ökonomischen Rationalität sind die wesentlichen Ursachen für den Aufmarsch der Ökonomie. Seit gut 100 Jahren orientieren wir uns an dem Modell des rationalen Akteurs: dem homo oeconomicus. Der wiederum ist das genaue Gegenteil dessen, was Aristoteles gefordert hat. Im 20. Jahrhundert kamen die Entstehung von Konzernen dazu, eine Dominanz des Kapitals und ein lediglich auf Gewinn und ökonomische Wertschöpfung ausgerichtetes System. Die GAFA-Ökonomie ist gegenwärtig der Höhepunkt dieser Entwicklung. Wenige Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook und Apple gelingt ein gigantischer Kundenzugang in Form von Reichweite und Verweildauer. Eine neue Form der Aufmerksamkeitsökonomie. Deren Grundlage ist die Digitalisierung.

Inwieweit kann die Ethik im Zeitalter der Digitalisierung Orientierung geben?

Dokumente

Befürworter und Kritiker der Digitalisierung sind sich in einem Punkt einig: Da die Digitalisierung nicht aufzuhalten ist, sollte sie zumindest sinnvoll gestaltet werden. Das setzt die Fähigkeit voraus, einen normativen Standpunkt zu definieren. Wohin soll unsere Gesellschaft sich entwickeln? Wie wollen wir zukünftig Wirtschaft organisieren? Wie wollen wir zusammenarbeiten? Die technologische Entwicklung ist mittlerweile um ein Vielfaches weiterentwickelt als unsere Fähigkeit, diese Phänomene ethisch zu bewerten und nutzbringend bzw. sinnstiftend für unser Leben einzusetzen. Wir haben unser digitales Verfügungswissen optimiert und unser digitales Orientierungswissen vernachlässigt. Dabei wächst jede neue Generation in einen moderneren Stand der technischen Entwicklung, während Moral und Ethik immer wieder aufs Neue erlernt werden müssen. Hier entsteht gerade eine eklatante Lücke.

Die Bank und Ethik?

Wie erklären Sie die Entwicklung der Digitalisierung in der Bankindustrie?

LupeBei den Banken erleben wir gerade ein interessantes Momentum. Seit einigen Jahren positioniert sich eine Bewegung gegen die Banken, die mit occupy wallstreet und der Finanzkrise einen vorläufigen Höhepunkt hatte. Die Forderungen der Gegner: Eine stärkere Kontrolle des Banken- und Finanzsektors durch die Politik sowie die Verringerung des Einflusses der Finanzwirtschaft auf politische Entscheidungen. Begleitet wurde dieser Widerstand durch einige Skandale: Geldwäsche, Spekulationen auf Rohstoffe, Zinsmanipulationen, irreführende Beratung. Die Reputation der Banken ist ein weiteres Mal gesunken. Und das alles in einer Phase, in der neben dem Vertrauensverlust bei Kunden und Mitarbeitern die Herausforderungen der Banken so groß sind wie selten zuvor (Stichwort: Niedrigzinsphase).

Das Momentum

Wir hatten eine fast identische Situation genau eine Generation früher. Am Pranger stand damals die Chemische Industrie. In den 1980er Jahren formierten sich die Umweltbewegungen gegen die Chemie-Konzerne. Schritt für Schritt fand nach anfänglichem Widerstand ein Umdenken in den Managementetagen der betroffenen Unternehmen statt. Die Konsequenz war letztlich eine radikale Kehrtwende der Chemiebranche. Die Wirtschaft öffnete sich gegenüber der Umwelt. Unternehmen wie BASF und Henkel sind heute exzellent aufgestellt. Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung sind im Kerngeschäft der Unternehmen integriert. Was die Chemiebranche vor einer Generation erlebt hat, steht den Banken heute bevor. War es damals die Umwelt, die gegen die Ökonomie ins Spiel gebracht wurde, geht es bei Banken um das Soziale, genauer um Fairness. Das ist das Momentum.

Eine weitere Analyse der Begriffe Fairness und die Umstrukturierung des Kerngeschäfts in Banken wird in Kürze in Teil 2 des Interviews veröffentlicht.

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Lisa Schachner

Ich betreue bei Management Circle die Veranstaltung Global Female Leaders und bin zusätzlich für die Themen Banken und Handelsmarken verantwortlich. Über aktuelle Themen, Trends und kreative Ideen informiere ich Sie gerne und werde dabei die internationale Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Ich freue mich darauf Sie kennenzulernen!

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