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Autark und günstig? Das Feldheim-Experiment

Autark Und Günstig? Das Feldheim-Experiment

„Die Energiewirtschaft wird dezentral“, wird immer wieder gesagt. Viel mehr Akteure am Markt werden Strom produzieren. Auch ihren eigenen. In Feldheim ist das schon Realität. Denn das kleine Dorf in Brandenburg ist das erste in Deutschland, welches sich komplett eigenständig mit Strom versorgt. Da könnte man sich schnell die Frage stellen: Brauchen wir irgendwann überhaupt noch die großen Energieversorger? Oder ist ein Projekt wie in Feldheim im größeren Maßstab unrealistisch?

Das autarke Dorf

Feldheim ist ein Ortsteil von Treuenbrietzen am Nordrand des niederen Flämings in Brandenburg. Das Dorf hat gerade einmal 50 Haushalte und ungefähr 130 Einwohner. Die Menschen in Feldheim kennen sich aus Vereinen und von der Straße; über Projekte wird sich aktiv ausgetauscht. Auch über Dinge wie das Energieprojekt, mit dem der erste energieautarke Ort Deutschlands bekannt wurde.

Energieautarkie bedeutet im Fall von Feldheim nicht, dass mehr Strom ins Netz eingespeist wird, als die Einwohner benötigen.  Feldheim hat stattdessen gleich ein eigenes Netz!

Im Gegensatz zu den mehr als 200 energieautarken Kommunen in Deutschland ist Feldheim wirklich unabhängig. Der Grund: das Dorf hat sein eigenes Stromnetz. Dies ist eine Besonderheit, die so nicht geplant war. Anfangs wurde in Feldheim eigentlich nur mit der dortigen Agrargemeinschaft eine Biogasanlage gebaut, die die Schweinezucht mit Wärme versorgen sollte. Wenig später (in den 90er Jahren) baute die Energiequelle GmbH 43 Windturbinen am Rande des Ortes. Die Anwohner beobachteten das und Stimmen wurden laut, nach denen sie den entstehenden Strom und die Wärme ebenfalls nutzen wollten. Also ging die Stadt in Verhandlungen mit Netzbetreiber E.on, um dem seine Leitungen in Feldheim abzukaufen. Als der Netzbetreiber aber sein Netz nicht veräußern wollte, legten alle Bewohner zusammen und bauten ihr eigenes Stromnetz.

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Das ARD Mittagsmagazin über das Feldheimer Energieprojekt

Kostenvorteile durch ein eigenes Stromnetz

Die Feldheimer entschieden sich, ein eigenes Netz zu bauen, da Gebühren für eine Durchleitung durch das E.On-Netz die Stromkosten in die Höhe getrieben hätten. Bei der Nutzung eines eigenen Netzes müssen die Feldheimer außerdem weder Stromsteuer noch EEG-Umlage zahlen. Damit liegt der Strompreis in Feldheim nun 20 Prozent unter dem des billigsten deutschen Anbieters und auch die Wärme ist günstig zu haben. Nicht zuletzt entstanden durch die Betreiber der Anlagen über 30 Jobs in dem Dorf.

Aber: 3.000 Euro pro Haushalt zur Finanzierung

Finanziert wurde das Ganze allerdings auch: Zum Einsatz kamen EU-Mittel, Darlehen und Beiträge der Dorfbewohner. Alle, die sich beteiligten, zahlten 3.000 Euro pro Haushalt, wenn Sie Strom und Wärme nachfragten, 1.500 Euro, wenn sie nur eines von beidem beziehen wollten. Durch die Zahlungen machten sich die Einwohner zum Teilhaber am Netz.

Auf einen Blick: Die Elemente des Feldheimer Energieprojekts

Der Windpark

  • Der Feldheimer Windpark wurde in den 90ern gebaut.
  • Er besteht aus 43 Windturbinen mit einer Leistung von etwa 74 Megawatt.
  • Pro Jahr werden 175 Millionen Kilowattstunden Strom produziert.

Der Solarpark

  • Wurde errichtet auf einem ehemaligen Militärgelände.
  • 85 Gebäude und eine Tankstelle wurden umweltgerecht rückgebaut.
  • Produziert 2.748 Megawattstunden Strom pro Jahr.

Die Biogasanlage

  • Wird betrieben mit Abfällen der Agrargenossenschaft in Feldheim.
  • Produziert 2,3 Millionen Kilowattstunden Wärme im Jahr und 4,15 Millionen Kilowattstunden Strom.

Biomasse

  • Eine Holzhackschnitzelheizung wird als Zusatzheizung an kalten Wintertagen eingesetzt.

Der Batteriespeicher

  • Die Batterie mit über 10 Megawatt Leistung ist die größte in Europa. (Noch.)
  • Der Speicher wird finanziert durch eine Beteiligungsgesellschaft, zu der die Energiequelle GmbH, Enercon und weitere Partner gehören, sowie durch Fördergelder von Brandenburg und der EU.

Ist das Feldheimer Projekt auf andere Kommunen übertragbar?

Ob das Projekt auf größere Kommunen skaliert, ist allerdings eine schwierige Frage. Ob die Zweifel angebracht sind, vermag ich nicht zu beurteilen, aber ich möchte sie wenigstens anführen.

Zunächst ist es bei größeren Projekten schwieriger, genug Leute ins Boot zu bekommen. Mit den 130 Menschen in Feldheim ließ sich zwar ein Konsens erzielen, aber in größeren Gemeinden fangen die Schwierigkeiten oft schon an, wenn über den Standort von Windrädern entschieden werden soll. Selbst für den Fall von Feldheim gilt das, wo derzeit der neue Windpark Feldheim-Nord in der Kritik der Nachbargemeinden steht.

Zweitens brauchen größere Orte mehr Strom und mehr Netz. Dadurch steigen die Kosten eines solchen Projektes – zumal Feldheim aus einer einzigen Straße besteht, die sich einfacher aufreißen lässt, als ein größeres Straßennetz. Auch ist nicht klar, wie die Zahlen für die Strompreise aussehen würden, wenn man beispielsweise die 13 Millionen Euro, die der Batteriespeicher dort gekostet hat, auf die Preise umlegen oder die 3.000 Euro Selbstbeteiligung durch die Bürger mit einrechnen würde. Oder die Fördergelder der EU und des Landes Brandenburg, die das Stromnetz des Dorfes zur Hälfte finanzierten. Ob man mit diesen Beträgen plötzlich die gesparten Steuern, Umlagen und Gebühren wieder „drin“ hätte im Strompreis?

Andererseits ist alleine die erzeugte Windkraft für Feldheim weit mehr als genug und kann in das öffentliche Netz verkauft werden. Im Schnitt verbraucht ein Haushalt je nach Personenanzahl 3.000 (eine Person) bis 5.200 Kilowattstunden (5 Personen) Strom im Jahr. Rechnet man das um auf die Feldheimer Haushalte, kommt man auf einen jährlichen Gesamtverbrauch von 205.000 Kilowattstunden (4.100 Kilowattstunden x 50 Haushalte). Nimmt man noch alle anderen Verbraucher in dem Dorf hinzu, benötigt Feldheim jährlich 1 Million Kilowattstunden, erzeugt aber alleine durch Wind mehr als 160 Millionen. Dieser Überschuss dürfte den Strom für die Feldheimer im eigenen Netz dann doch um einiges günstiger machen, da er sich in das öffentliche Netz einspeisen lässt.

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Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

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