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Agile Tatsachen

Agile Tatsachen

Was bedeutet eigentlich agil? Und wie passt es mit den Abläufen und Strukturen von Unternehmen zusammen? Unser Experte Jonathan Escobar Marin hat seine Gedanken dazu mit uns geteilt.

In seiner Zeit bei der HARTMANN GRUPPE am Stammsitz in Heidenheim hat Jonathan Escobar Marin als Director und Head of Global Lean Management nach Erarbeitung einer globalen Strategie die internationale Transformation duchgegeführt, die HARTMANN zu einer strukturierten, messbaren, effizient arbeitenden und zukunftsfähigen agilen Organisation gemacht hat.

Er ist Mitbegründer und Partner der High-Performance Organization Global Alliance sowie Postgraduate Director and Master’s Program Associate Professor an der Polytechnischen Universität von Katalonien sowie Absolvent des Executive Program der Singularity University in Silicon Valley. Jonathan Escobar ist heute CEO und Partner von Actio Global in seiner Heimatstadt Barcelona und führt weltweit Firmen auf ihrem individuellen Weg zu agilen High-Performance Organisationen.

Joanathan Marin Escobar

Jonathan Escobar Marin

Individuen und Interaktionen sind wichtiger als Prozesse und Werkzeuge – diese Tatsache ist gleich im ersten Grundsatz des Agile Manifesto festgelegt.

Nach mehr als 18 Jahren Erfahrung in Unternehmen und mehr als 30 erfolgreichen Transformationen von Unternehmen in zahlreichen Ländern, scheint jetzt der richtige Zeitpunkt zu sein, einige der Lektionen weiterzugeben, die ich bei meiner Erarbeitung der Kernaussagen des „Agile Manifesto“ gelernt habe.

Wir räumen Individuen und Interaktionen Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen ein.

Individuen

AgilEs ist eine Sache des gesunden Menschenverstandes, das Individuum als unser höchstes Gut immer an erster Stelle zu sehen. Jeder Einzelne bringt Erfahrung, Bildung, Weisheit, Begeisterung und Einfallsreichtum mit. Ich weise darauf hin, dass im Agile Manifesto die Formulierung „Individuen“ und nicht einfach „Menschen“ gewählt wurde. Wie Gandhi es ausdrückte, lassen Taten die eigentlichen Prioritäten erkennen.

Individuen zu schätzen bedeutet, Individualität und Selbständigkeit jeder Person zu schätzen.

 Jonathan Escobar Marin | CEO| Actio Global

 

Inwiefern wurden Sie in Ihrer Karriere, einmal abgesehen von der monetären Seite, wirklich als Individuum geschätzt? Anerkannt in Ihrer Andersartigkeit, nicht Ihrer Gleichartigkeit. Anerkannt für Ihre Eigenständigkeit und nicht stillschweigend belohnt für Herdenverhalten? Geschätzt für Ihrer Originalität, Ihre Nicht-Alltäglichkeit, geschätzt für Ihre Individualität? Oder wurden Sie nur als Teil der breiten Masse wahrgenommen?

Nach meiner Erfahrung aus vielen unterschiedlichen, großen und kleinen Unternehmen kommt es ziemlich selten vor, dass Menschen als Individuum geschätzt werden. Ich habe oft festgestellt, dass Gleichartigkeit bevorzugt wird: In Referenzen, in Profilen, im Denken und in Äußerungen. Das Gleiche gilt auch für Teams.

AgilityWenn sich Einzelpersönlichkeiten zur Arbeit an einer gemeinsamen Aufgabe zusammensetzen, nennen wir sie „Team“, aber sie bilden oft nur eine Gruppe, die auf gegenseitigen Zugeständnissen basiert. Eine Art Akzeptanz des Ist-Zustands. Aber Das Tolle an #Agile ist: Es wird nicht durch den Ist-Zustand gesteuert, sondern vielmehr durch die Wertschöpfung angetrieben.

Neue Technologien werden die Art und Weise, wie wir unser „menschliches Kapital“ strategisch ausrichten und einsetzen, um Wettbewerbsvorteile zu erzielen, revolutionieren. Überlegen Sie einmal, was es (aus eigener Erfahrung) für Ihr Unternehmen bedeuten würde, jeweils „Individuelle Entwicklungspläne“ zu erstellen. Denken Sie nun darüber nach, was es bedeuten würde, wenn sich alle auf jeder Ebene als Individuum kontinuierlich weiterentwickeln könnten. Wenn das erstere punktuell ausgerichtet ist, dann ist das letztere ein ganzheitlicher Ansatz.

Im Geschäftsumfeld der Zukunft wird Ihr Unternehmen mit schmeichlerischen Höflingen, die ihr machtbesessenes Ego aufplustern, um ihre Reiche zu erhalten, nicht bestehen können.

Die unausweichliche und vorankommende Präzision der künstlichen Intelligenz (KI) erfordert die Maximierung der Kerneigenschaften, die das Individuum gegenüber der Maschine auszeichnen: Individualität. Bewusstsein. Menschlichkeit.

Als Früchte daraus ernten wir Beziehungen, Loyalität, Urteilsvermögen, Einsicht, Zielsetzung, Richtungsweisung und Weiterentwicklung …. mit anderen Worten, Wertschöpfung.

Diese Eigenschaften sind bei der traditionell gut honorierten, devoten alten Garde nicht ohne Weiteres zu finden. Es ist jetzt die Zeit für mutige Führung, Zeit für einen zukunftsweisenden Wandel.

Wir räumen Individuen und Interaktionen Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen ein.

Interaktionen

Sie schätzen Interaktion doch auch, oder? Moment mal, tun Sie das wirklich? Nach fast zwei Jahrzehnten Prägung durch die Praxis kann ich eine unumstößliche Tatsache nur bestätigen:

Traditionelle Unternehmen legen Wert auf Transaktionen und nicht auf Interaktionen.

Projektplan, Schreibtisch, FührenIch beziehe mich hier nicht nur auf die Geschäftsführung. Ich glaube, so verstehen auch die Mitarbeiter ihre Arbeit und engagieren sich im Dienste des Unternehmens dafür. Sie handeln und verhandeln, regeln und schließen Geschäfte ab, untereinander und mit Kunden, acht und mehr Stunden am Tag.

Transaktion ist Umsetzung, Anwendung: Es geht ums „Handling“. Interaktion hingegen beinhaltete den Aspekt von Gegenseitigkeit oder gemeinsamen Vorstellungen. Es sind die gleiche Chemie, Verbindungen und Vorstellungen im Spiel – Echt agil.

Hier werden Beziehungen und Zusammenarbeit realisiert. Die menschliche Interaktion ist agil – Rein agil.

Borgen wir uns von der Physik diese Definition: „Interaktion ist die besondere Art und Weise, in der (Menschen) sich gegenseitig beeinflussen“. Das ist klasse. Das ist agil.

Ich habe aus diesem ersten Grundsatz des Agile Manifesto gelernt, dass wir mit der uns eigenen Individualität und Authentizität Beziehungen zueinander aufbauen und uns gegenseitig beflügeln, und dass dies „über“ Prozesse und Werkzeuge gestellt wird.

Ich würde gerne wissen, ob es andere Communities of Practice gibt, die in erster Linie Prozesse und Instrumente schätzen, zu denen sich die Agile Community ausdrücklich in Gegensatz stellen? Oder ob die Auffassung gilt, dass Prozesse und Werkzeuge zu Lasten der Wertschätzung von Individuen und Interaktion gehen?
Ich glaube fest daran, dass Agilität auch hier etwas in Bewegung bringt. Zum Besseren.

Agilität

Wir räumen Individuen und Interaktionen Vorrang vor Prozessen und Werkzeugen ein. 

Prozesse

So wie die Brillanz von Individuen durch vernetzte Interaktion am hellsten funkelt, so liegt der Wert eines Prozesses in seinem Verhältnis zum übergeordneten System, in das er integriert ist.

Sich auf Prozessdenken zu beschränken, heißt sich auf Komponenten zu konzentrieren und sich damit aus der sich aufbauenden Rahmenerzählung auszuklinken und sich den Blick zu verstellen. Den Blick auf die Erfordernisse, Möglichkeiten und die Wertschöpfung, die in der Geschichte eine Rolle spielen.

Klar, alles ist ein Prozess, beispielsweise wenn sich aus einer Eichel eine Eiche, aus dem Winter der Frühling entwickelt. Aber ein dogmatisches Festhalten am Prozess, um den Prozess über Individuen und Interaktionen zu stellen, würde den Sinn der alles umspannenden Geschichte völlig verfehlen. Der Einhaltung von Prozessen eine zu große Aufmerksamkeit zu schenken, führt Individuen und Teams in die Isolation.

Die unkritische Prozessgläubigkeit führt zu einer langweiligen Mittelmäßigkeit durch Gleichförmigkeit. Die „Verschreibung“ einer eindimensionalen Lösung ist bei Weitem nicht das, was bei jeder Zusammenarbeit mit Kunden entscheidend ist: Ein individuelles und vielschichtiges Lösungskonzept.

Prozessdenken setzt eine Reihe von theoretischen, allgemeinen Bedingungen voraus, die vielleicht zu einer vorgegebenen Situation passen – vielleicht aber auch nicht. Die Chancen stehen gut, dass sie nicht passen, was zu Kompromissen und Abstrichen führt – der Bürokratie halber? Das ist keinesfalls agil.

Agilität baut mit der Priorisierung von Individuen und Interaktionen miteinander vernetzte Systeme auf, deren Gesamtsumme deutlich größer ist als die Summer ihrer Teile.

In einem agilen Ökosystem ergeben sich Prozesse, gegründet auf Selbstorganisation, durch Forschen und Experimentieren über die aktuellen Grenzen des Wissens hinaus. Beachtung und Verständnis der konkreten Anforderungen der Situation sowie der Auswirkungen einer Aktion auf das System vorausgesetzt.

Fehler zulassenDer Prozess ist der Beziehung der Individuen, die sich durch ihre Interaktion gegenseitig beeinflussen, untergeordnet. Ein eleganter Prozess ermöglicht es Ihnen letztendlich zwar zu liefern, aber: das was Sie liefern, entspricht in keiner Weise dem, was tatsächlich und individuell gebraucht wird, wenn Sie um der Einhaltung Ihres Prozesses willen sich selbst nicht voll einbringen und sinnvoll interagieren können.

Die Prozesse in der traditionellen Geschäftsführung haben in den Unternehmen der meisten Branchen ein festes Standbein. Alte Gewohnheiten sterben langsam, und viele CEOs fühlen sich am wohlsten in „funktionalen Organisationsstrukturen“, in denen Menschen eingeordnet und in Abteilungen zusammengefasst sind. Bewährt und richtig … aber richtig gegenüber welcher Vorgabe?

Wenn du willst, was du noch nie gehabt hast, musst du tun, was du noch nie getan hast.

Nossrat Peseschkian

 

Nicht alle Unternehmen schaffen die agile Reise, das gelingt nur den cleveren mit mutigen Führungspersönlichkeiten, die wissen, wie man in die menschliche Natur investiert.

Ich habe die Übertragung der Führungsaufgabe auf einen neuen CEO miterlebt. Nachdem er das Ruder übernommen hatte, führte er vorsichtig und respektvoll, um das „Fundament“ und die 65-jährige traditionelle „Kultur“, auf die das Unternehmen aufgebaut war, nicht zu zerstören. Er hörte eher zu, als selbst zu reden, mit einer ruhigen, ihm eigenen introvertierten Art, die dem was er sagte, wenn er das Wort ergriff, entsprechende Bedeutung verlieh.

Er verstand die Marktlage, war unerbittlich wachstumsorientiert und mit einem gesunden Gleichgewicht aus Bescheidenheit und Selbstvertrauen sowie einer durchgehenden Transparenz über die Organisation krempelte er die Firma um. Innerhalb von 16 Monaten war sie vollständig revolutioniert.

Business Charts und Statistiken vor blauem HintergrundAusgehend von seinen mutigen Entscheidungen, den Kurs zu ändern und die Zukunft des Unternehmens zu gestalten, führte er, indem er sich auf die umfassende Expertise des Teams in den Bereichen Sicherheit, Technologie und Kundenbeziehungen einließ. Im Vertrauen auf das Talent des Teams, das Unternehmen mit Selbständigkeit und starker Verantwortlichkeit voranzubringen, hat er das Unternehmen komplett neu positioniert.

Seine Führung brachte neuen Wind in das Unternehmen und stellte die Weiterentwicklung weit über die tiefreichenden Wurzeln der unspektakulären Herstellung von veralteter Standardware hinaus in eine neue Zeit der Technologie und Tempoverschärfung sicher.

Er hat die Wettbewerber ausgebremst und so das Unternehmen in der Führungsposition der Branche platziert. Damit sorgte er sowohl für Wachstum als auch für die fortdauernde Sicherheit von 290 Personen und ihren Familien. Er setzte auf ihre Fähigkeit, an ihren Aufgaben zu wachsen, selbstbewusst und gewillt, alte Paradigmen zu durchbrechen.

Er ist die Art von Servant Leader, der eine Organisation formt, die in der Wirtschaft, der Gesellschaft und im menschlichen Miteinander Erfolg hat, indem er die Weiterentwicklung der Mitarbeiter maximiert, um den sich ändernden Anforderungen einer andersartigen Geschäftswelt in einer neuen Zeit gewachsen zu sein. Eine agile Führungspersönlichkeit.

Wir schätzen Individuen und Interaktionen gegenüber Prozessen und Werkzeugen.

Werkzeuge

Sie werden oft falsch eingeschätzt, aber genau das kommt davon, wenn man mal einen Hammer hat und dann beginnt jedes Problem als Nagel anzusehen. Ein Werkzeug ist nur so nützlich wie sein Benutzer, und daher verstehe ich diese Unterordnung so, dass es hier nicht so sehr um das Werkzeug selbst geht, als vielmehr um eine werkzeugorientierte Einstellung.

Jahresgespräch-Meeting-Chef-VorgesetzterWerkzeuge sind unerlässlich, aber sie sind Apparate, Maschinen. Werkzeuge sind ein Mittel zum Zweck, nicht das gewünschte Ziel selbst; dessen sollte man sich beim Anbruch des KI-Zeitalters bewusst sein.

Hunderttausende von Unternehmen investieren Hunderttausende von Dollar in „werkzeugorientierte Lösungen“, wobei sie diese fundamentale Tatsache übersehen:

Nur bei echter Interaktion verstehen wir einander wirklich. Und mit dem Einfallsreichtum, der aus unserem Bewusstsein von Individualität entsteht, können wir uns gegenseitig zum Erfolg verhelfen.

Agile Unternehmen haben das erfasst. Sie priorisieren diese Werte durch ihr tägliches Handeln. Darüber hinaus denken und handeln agile Unternehmen aus einer Grundüberzeugung:

Wertschöpfung liegt in den Händen Ihrer Leute. Sie entsteht in einem Prozess und mit Hilfe von Werkzeugen, aber sie entsteht DURCH Menschen.

Folglich lässt sich Wertsteigerung alternativ auf zwei Arten erreichen:

Durch den Versuch, Menschen zu robotisieren (ich spreche hier nicht von zukünftigen KI-Szenarien, sondern von vergangenen und aktuellen menschenunwürdigen Arbeiten und Arbeitsbedingungen),
oder durch Maximierung der Weiterentwicklung der Menschen.

Die Wertschöpfung wird nicht durch Prozessoptimierung auf das Höchstmaß gesteigert, sondern durch die Maximierung der Weiterentwicklung des Menschen.

Eine agile Organisation zu sein ist keine alternative oder Hilfsmethode der „wahren“ Geschäftsführung, es ist die wesentliche und wichtigste Kraft, um die Zukunft Ihrer Organisation in einer sich bildenden und sich verändernden Landschaft zu formen.

Neue Arbeitsweisen – Innovative Methoden – Veränderte Zusammenarbeit

Machen Sie mit Hilfe unseres Seminars Die agile Organisation Veränderungen zum Normalzustand. Wie implementieren Sie die Ansätze und Methoden in Ihrem Unternehmen und wo liegen die Chancen und Herausforderungen? Diese und weitere Antworten erhalten Sie in diesem zweitägigen Intensiv-Seminar.

Claudia Blum

Bei Management Circle bin ich für die Personal-, Produktions- und Soft Skills-Themen zuständig. Ich betreue außerdem den Blog zu den Iran-Veranstaltungen. In diesen Portalen informiere ich Sie stets über alle Trends und Entwicklungen. Ich freue mich auf Ihre Anregungen und einen guten Wissensaustausch.

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