PSD II: Datenmonopol der Hausbanken wird aufgelöst

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Welche Konsequenzen hat die PSD2 für die Wettbewerbsfähigkeit der Banken? Eine kritische Frage, schließlich wird ihr Datenmonopol aufgebrochen. Payment-Experte Hans-Martin Kraus analysiert die Folgen in seinem Gastbeitrag.

Dr. Hans-Martin Kraus ist Partner bei Capco und verantwortet als Head of Payments EMEA das grenzüberschreitende Payments-Geschäft. Für Capco berät er Finanzunternehmen bei der Umsetzung von Transformationsprozessen. Dabei ist er insbesondere ein Fachmann für Regulatorikthemen und innovative Geschäftsmodelle. Insgesamt verfügt Dr. Hans-Martin Kraus über 20 Jahre Erfahrung in der Finanzindustrie, welche er auf Banken- wie auch auf Beraterseite sammelte.

Ab Januar 2018 gilt für Finanzinstitute in ganz Europa die überarbeitete Zahlungsdienstrichtlinie (PSD II). Eine große Herausforderung für die hiesige Finanzindustrie, fällt doch mit der neuen Richtlinie unter anderem das Privileg der Hausbank, die Daten ihrer Kunden exklusiv verwerten zu dürfen. Bereits mit der Umsetzung der Payments Service Directive I in deutsches Recht im Jahr 2009 wurde die Voraussetzung für einen einheitlichen Rechtsrahmen für alle Arten von Zahlungsaufträgen geschaffen. Gleichzeitig entstand so die Basis für die Harmonisierung des EU-weiten Zahlungsverkehrs im Rahmen des SEPA-Prozesses. Bereits die PSD I und SEPA schufen einen Payments Markt mit rund 450 Millionen Konsumenten und bieten außerdem einen sehr attraktiven Wachstumshintergrund für neue Geschäftsmodelle.

Mit der neuen PSD II Richtlinie werden vier Handlungsfelder zur Harmonisierung des Wettbewerbs in Europa eröffnet:

  • Öffnung Kontozugang
  • Haftungsverteilung Händler/PSP
  • Transparenzzuwachs vor allem bei Gebühren
  • Erhöhte Sicherheit / Standards bei der Kundenauthentifizierung

Politik zur Stärkung der Eigenständigkeit des Payment-Systems

Wie viele aktuelle Regulatorikansätze ist auch die Einführung von PSD II Teil der umfassenden Nachkrisenregulation und soll gemeinsam mit der bereits umgesetzten PSD I Richtlinie zur Etablierung eines eigenständigen – von Banken unabhängigen – Payment-Systems beitragen. Sie stellt damit sicher, dass Unabhängigkeit und Widerstandsfähigkeit der Zahlungssysteme auch im Krisenfall gewährleistet sind.

Bild: Richterhammer und Gesetzbuch vor EU-Flagge

Ringen um die Kundenschnittstelle

Die elementare Frage für das Banking der Zukunft wird sein, wer zentraler Dienstleister für den Kunden wird und dessen Daten aggregieren darf. Besonders groß war die Angst der Branche, dass sogenannte Fintechs, Start-up-Unternehmen für digitale Finanzdienstleistungen, den etablierten Geldinstituten ihren Rang ablaufen könnten. So ist schon heute zu beobachten, dass insbesondere klassische Retailkunden die Dienstleistungen ihrer Hausbank durch digitale Apps ersetzen. Die markteintretenden Player sind dynamisch und unvorbelastet. Fintechs investieren im Verhältnis 3:1 im Gegensatz zu den etablierten Häusern in den Bereich Zahlungsverkehr. Somit ist es vielen Fintechs gelungen, einen technologischen Vorsprung zu erreichen, der bereits bemerkenswerte Erfolge erwirkt hat. Es ist aber auch eine zunehmende Kooperation zwischen Fintechs und Banken zu beobachten.

Die neuen Rahmenbedingungen von PSD II werden dieser Entwicklung zusätzlichen Vorschub leisten. Banken müssen sich das Privileg des direkten Kontakts zum Kunden wieder neu erarbeiten. Gerade im Hinblick auf die digital affine Kundschaft besteht andernfalls die Befürchtung, das langfristige Geschäftsmodell zu gefährden. Aggregationskompetenz von Kontoinformationen und darauf aufbauende Dienste inklusive Beratungsdienstleistungen werden zum differenzierenden Service von morgen. Allen etablierten Spieler steht ein womöglich schmerzhafter Prozess des Umlernens bevor, bei dem eine Neuausrichtung der eigenen Stärken notwendig ist. Nur wer über eigene Aggregationskompetenz verfügt, wird in der Lage sein, profitable Mehrwertdienste rund um die Kundenkonten zu etablieren.

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Drei mögliche Szenarien – warum es diesmal anders wird

Aufgrund der hohen Dynamik und der vorhandenen Unsicherheit, ist es hilfreich, die Folgen von PSD II in drei Szenarien zu skizzieren. Nach Capcos Einschätzung liegt die Wahrscheinlichkeit für Szenario I bei etwa zehn Prozent, für Szenario II bei etwa 30 Prozent und für Szenario III bei etwa 60 Prozent.

1

Szenario I – „Es passiert zunächst wieder einmal nichts oder nicht viel“: In der Vergangenheit schienen bahnbrechende Veränderungen schon sicher ihren Lauf zu nehmen. Aber dann passierte außer kleineren Entwicklungen – oder um fünf bis zehn Jahre verzögert eintretende Effekte nichts. Ein gutes Beispiel dafür ist die Diskussion über die Kontoaggregation im Jahr 2000.

2

Szenario II In einigen Bereichen wie den Internet-Bezahldiensten wird sich etwas ändern, aber das Retail-Banking selbst ist in der Folge nicht betroffen: Eine ganze Reihe der Schwerpunkte zielen in der Tat auf Internet-/Mobil-Bezahldienste. Dort wird es entsprechende Regulierungseffekte geben (z. B. Haftung, Transparenz, Identitätsmissbrauchseindämmung).

3

Szenario III – Es wird dieses Mal eine stärkere Rückkopplung in das Retail-Banking mit deutlichen Marktanteilsverschiebungen auch zwischen den Banken (ca. 25 bis 40 Prozent des Markts) in den mobilen und mehrwertorientierten Kundensegmenten geben. Die parallel vorangetriebenen Geschäftsmodell-Innovationen von Aggregatoren, Robo-Advisern, PSP-Dienstleistern mit Mehrwertangeboten für Kunden aus dem kapitalstarken FinTech-Sektor, innovationsstarken Finanzdienstleistern, Internet-Plattformen (z. B. Google), Smartphone-Anbietern (z. B. Apple Pay) bis hin zu den Serviceunternehmen des Einzelhandels stellen eine breite, Kapital anziehende Bewegung mit viel Momentum und mehreren Speerspitzen dar. Trotz möglicher Fehlschläge dürfte sich die Konsumentenwelt deshalb insgesamt gravierend verändern.

„Den Tüchtigen hilft das Glück“

Obwohl es verständlich ist, dass viele im Angesicht der Flut stets neuer Regulationen wie das sprichwörtliche Kaninchen vor der Schlange verharren, ist Capcos Empfehlung eine proaktive und geschäftsorientierte Herangehensweise: Gerade zum jetzigen Zeitpunkt ist akuter Handlungsbedarf gegeben, um die eigene Marktposition für die nächsten Jahre zu sichern bzw. zu verbessern. Einige der etablierten Geldinstitute haben die Risiken der Entwicklung erkannt und begonnen, Chancen zu identifizieren und anzugehen.

IT-Kompetenzen müssen jetzt noch stärker auf Beratung, Kundenkanäle und FinTech-Themen institutionell ausgeweitet werden.

Banken verfügen nach wie vor über eine Fülle an Vorteilen, die sie im Wettkampf mit neuen Wettbewerbern für sich nutzen können, um ihr Kompetenzprofil erfolgreich auf die Themenfelder Datensicherheit, Betrugsprävention, Vertraulichkeitsschutz persönlicher Daten sowie sichere digitale Identität auszuweiten. Noch sind es die Banken, die exklusiv über eine große Menge Kundendaten verfügen. Sie tun gut daran, diesen Vorsprung für sich zu nutzen und die digitale Transformation voranzutreiben. Bis 2020 müssen sie versuchen, die Marktführerschaft im Feld sicherer Online-Bezahldienste zu übernehmen und entstandene Positionierungsnachteile zurück zu gewinnen. Gerade die zu erwartende exponentielle Zunahme der Transaktionszahlen im Zahlungsverkehr wird viele Player vor die Herausforderung stellen, passende Lösungen finden zu müssen. Ziel muss daher auch sein, die Kostenführerschaft mit zentralisierter ausgelagerter Payment-Abwicklung zu erreichen. IT-Kompetenzen müssen jetzt noch stärker auf Beratung, Kundenkanäle und FinTech-Themen institutionell ausgeweitet werden. „Digitale Kundennähe“ bedeutet, die Wettbewerbsvorteile von Banken gegenüber Fintechs auch auf die neuen Kanäle auszuweiten. Die neue Datentransparenz birgt nicht nur Risiken sondern auch auch Chancen. Banken, die sich im digitalen Wettkampf um neue Geschäftsmodelle progressiv positionieren, sind – bereits erkennbar – in der Lage auch die Informationen von Konkurrenten für den eigenen Erfolg zu nutzen.

Fazit

Die digitale Transformation im Retailbanking ist schon heute im vollen Gange und wird durch die Schwerpunkte der Payments Service Directive II noch weiter beschleunigt. Schon bis zum Jahr 2020 dürfte klar erkennbar sein, welche Wettbewerber es schaffen, die Chancen, die sich aus PSD II ergeben, für sich zu nutzen.

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Informieren Sie sich über Inhalte des Seminars auf unserer Homepage.

Christoph Erle

Mein Name ist Christoph Erle und ich betreue bei Management Circle die Blogs zu Personalwesen, Banken, Energiewirtschaft und Handelsmarken. Als langjähriger Freund des Netzes und Content-Marketing-Spezialist wollte ich mir die Chance nicht nehmen lassen, bei einem renommierten Veranstalter den Aufbau einer Online-Präsenz zu unterstützen. Ich hoffe, hier hilfreiche Inhalte für Sie bereitzustellen und Sie demnächst im Netz oder auf einer unserer Veranstaltungen anzutreffen.

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