[Interview] Tobias Rösinger über die nachhaltige Architektur Frankfurts

Tobias Rösinger

Frankfurt ist nicht nur aufgrund seiner Banken bekannt, auch die Architektur spielt in der Mainmetropole eine wichtige Rolle: Nicht nur wegen der Hochhäuser, sondern auch wegen der nachhaltigen Bauweise. Tobias Rösinger zeigt auf, wie nachhaltig Frankfurts Architektur ist und beschreibt außerdem die aktuelle Lage des Frankfurter Immobilienmarktes.

So begrüßenswert die Errichtung von (Wohn-)Hochhäusern ist, wird die zuweilen geäußerte Hoffnung, hiermit den hohen Bedarf an Wohnungen in der Breite zu decken, vermutlich nicht gelingen.

Tobias Rösinger, Wentz & Co. GmbH, Frankfurt am Main

Tobias Rösinger, Geschäftsführender Gesellschafter der Wentz & Co. GmbH, begann seine Karriere relativ ungewöhnlich als Maurer bei der Rapp GmbH. 1994 begann er jedoch sein Architekturstudium an der Technischen Universität Darmstadt sowie an der Politecnico di Torino. Der Diplom-Ingenieur betreute daraufhin zahlreiche Projekte im Bereich Architektur und Design.

2001 fing Tobias Rösinger als Projektentwickler und Architekt bei der Wentz Concept Projektstrategie GmbH heute Wentz & Co. GmbH an. Seit 2010 bekleidet er die Position des Geschäftsführenden Gesellschafters.

Wie bewerten Sie die Immobilienwirtschaft und den Städtebau in Frankfurt, wie steht die Mainmetropole im nationalen Vergleich?

Frankfurt verfügt sicherlich über eine sehr agile Immobilienwirtschaft, die seit vielen Jahren – und immer noch – sehr dynamisch ist. Nichtsdestotrotz sollte man mögliche Risiken vor Augen haben. Beim Wohnungsbau handelt es sich um die akut zur Neige gehenden Grundstücksflächen, beim Bürobau um die schwächelnde Finanzwirtschaft, die mit ihren zugehörigen Dienstleistern traditionell die stärkste Flächennachfrage gerade im Spitzensegment der Innenstadthochhäuser darstellt.

Was sind die architektonischen Trends bei Gewerbe- und Wohnimmobilien in Frankfurt?

Trotz der regen Bautätigkeit in Frankfurt – auch von überregional oder gar international tätigen Investoren – kommen nach wie vor häufig Frankfurter Architekten zum Zuge. Das spricht für die Qualität der hier ansässigen Architektenszene. Neben den alteingesessenen Routiniers, drängen auch zunehmend jüngere Büros nach vorne und beeinflussen mit eigener Architektursprache das Bild von Frankfurt.

Bestimmt wissen Sie, dass der Hochhausbau in München sehr kontrovers diskutiert wird. Wie bewerten Sie diese Tatsache und warum denken Sie, setzt Frankfurt immer öfter auf Hochhäuser?

Frankfurt kann wie keine andere deutsche Stadt auf eine wirkliche Hochhaustradition zurückblicken. Diese Tradition wurde – mit wechselnden städtebaulichen Motiven – über die letzten Jahrzehnte im Sinne einer modernen kompakten Stadt ständig ausgebaut. Die stetig wachsende Skyline ist längst zum wichtigen Markenzeichen der Stadt geworden. Insofern ist die Bauform Hochhaus alles andere als ein neues Phänomen für Frankfurt. Allerdings  war die Nutzung der Hochhäuser zumindest im städtebaulich besonders wesentlichen Innenstadtkontext regelmäßig auf Büro ausgerichtet.

Neu ist nun die stark zunehmende Nutzung für Wohnzwecke vieler aktuell entstehender Hochhäuser – klammert man zumindest die eher peripheren Wohnhochhäuser der 70iger Jahre aus, die vornehmlich auf sozialen Wohnungsbau ausgerichtet waren und die letztlich auch einen häufig noch immer zweifelhaften Ruf von Wohnhochhäusern in breiten Schichten unserer Gesellschaft begründen.

So begrüßenswert im Sinne der Frankfurter Städtebautradition, vielleicht sogar städtischen Identität schlechthin, die Errichtung von (Wohn-)Hochhäusern ist, wird die zuweilen geäußerte Hoffnung, hiermit den hohen Bedarf an Wohnungen in der Breite zu decken, vermutlich nicht gelingen. Denn die Wohnform Hochhaus ist heutzutage eine sehr teure. Eine Vielzahl von einschlägigen baulichen Normen und Auflagen haben aus der „billigen Platte“ für soziale Utopien von einst ein hochpreisiges „High-Tech Produkt“ von heute werden lassen.

Green Buildings

Ende Januar 2016 erhielt der Sitz des Grünflächenamts das Zertifikat DGNB Platin. Damit wird wieder unter Beweis gestellt, dass Frankfurt die Hauptstadt der Green Buildings ist. Nirgendwo sonst befinden sich so viele Gebäude mit Nachhaltigkeitszertifikaten.

Welche Rolle spielen die Nachhaltigkeit und der Umweltschutz in der Architektur Frankfurts?

Frankfurt rühmt sich als „Passivhaus-Hauptstadt“, der Grüngürtel im Speziellen und die unbebauten Flächen im Allgemeinen besitzen in Frankfurt einen ungewöhnlich großen Stellenwert. Bemerkenswerter Weise ist Frankfurt, zumindest in Hessen, die Großstadt mit den wohl größten Anteilen an landwirtschaftlichen Flächen.

Das Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz ist in Frankfurt also allgegenwärtig. Gerade über den Begriff Nachhaltigkeit lohnt es sich jedoch nachzudenken:

Nachhaltigkeit wird in der öffentlichen Diskussion überwiegend technologisch definiert. Hochdichte und hochgedämmte Gebäude mit hochentwickelter Haustechnik werden oft als alternativlos angesehen. Unsere technologisch hochgerüsteten Gebäude haben allerdings zunehmend begrenzte Lebensdauer, aufgrund von hohen maschinellen Anteilen oder „überzüchteten“ Dämmfassaden. Die sogenannte „graue Energie“, also Energie, die beim Herstellungsprozess von Bauteilen und Gebäuden anfällt, taucht leider in den wenigsten Energiebilanzen auf. Auch finden die Wartungs- und Erneuerungskosten der schadensanfälligen Gebäudeteile – ökonomisch wie ökologisch – viel zu wenig Berücksichtigung in der öffentlichen Diskussion. Auch das spezielle Erscheinungsbild dieser als „nachhaltig“ bezeichneten Gebäude, basiert häufig auf rein technologischen Zwängen oder Moden, anstatt übergeordneten architektonischen Gestaltungskriterien zu folgen und damit eine gewisse Zeitlosigkeit zu erlangen.

Ungebrochen ist dagegen nach wie vor die Beliebtheit der Gründerzeitviertel mit ihren massiven, handwerklichen Gebäuden, deren Fassadengestaltung einem ungleich universelleren Formenkanon folgt. Keine Spur von Wärme-, Brand oder Schallschutzmaßnahmen heutiger Auswüchse, keine Barrierefreiheit, keine zeitgeistigen Grundrissexperimente – und trotzdem extrem begehrt bei weiten Teilen der Bevölkerung ob jung oder alt, Single oder Familie.

Und seit weit über 100 Jahren äußerst nachhaltig, wie ich finde.

Die Mainmetropole Als Weltstadt

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Bildnachweise:  domeckopol  | Magnus Kaminiarz & Cie. Architektur | blauraum | KSP Jürgen Engel Architekten

Marina Vogt

Bei Management Circle bin ich für die Digitalisierungs- und Immobilien-Themen sowie die Assistenz-Veranstaltungen zuständig. In den drei Blogs informiere ich Sie über neue Entwicklungen in diesen Bereichen. Vor meiner Tätigkeit bei Management Circle habe ich Germanistik in Frankfurt und Paderborn studiert. Ich freue mich über Fragen, Anregungen und einen
regen Wissensaustausch!

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